Japanische Anime-Filmer in Dortmund: „Proto Anime Cut“

Ein „Evangelion“ startet durch: Motiv aus dem Anime „Neon Genesis Evangelion“, zu sehen in Dortmund. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Der Kampfroboter überragt die Hochhäuser, zwischen denen er losrennt. Beim Sprint schlagen seine Füße Funken auf einer Stahlrampe. Der „Evangelion“, den ein Kind steuert, muss einen „Engel“ abfangen. In der Welt des Animationsfilms „Neon Genesis Evangelion“ von Hideaki Anno sind das monströse außerirdische Angreifer.

Im Filmclip, der beim Hartware Medienkunstverein im Dortmunder U läuft, stoppen drei Evangelions einen Engel. Dessen sterbender Körper sondert eine rote Sintflut ab, die wie ein Tsunami über die Wolkenkratzer von Neo-Tokyo 3 schwappt. Apokalypse als Unterhaltungsspektakel: Die Kinoversion nach einer Fernsehserie entstand 2009. Der Kampf läuft als Endlosschleife in der Ausstellung „Proto Anime Cut – Räume und Visionen im japanischen Animationsfilm“, mit der Hartware erstmals in Deutschland die japanischen Anime beleuchtet. Diese Trickfilme für Erwachsene entstehen als Gesamtkunstwerke in speziellen Studios. Spätestens seit Filmen wie „Akira“ (1988) und „Ghost In The Shell“ (1995) haben diese Arbeiten auch in Europa eine feste Fangemeinde.

Die Dortmunder Schau stellt Schlüsselfiguren vor wie die Regisseure Koji Morimoto („Dimension Bomb“) und Mamoru Oshii („Ghost In The Shell“). Filmsequenzen laufen auf Leinwänden und Bildschirmen. Der Besucher kann in der von Stefan Riekeles und David d'Heilly kuratierten Schau ideal die Entwicklungsarbeit studieren. Bei „Neon Genesis Evangelion“ zum Beispiel kann man verfolgen, wie der angreifende achte Engel von ersten Skizzen bis zu detaillierten Zeichnungen Gestalt gewann: Eine fliegende Blüte mit gigantischen, sich entrollenden Blättern, eine dekorative Form, der man die Aggression nicht ansieht.

Die vorgestellten Anime gehören ins Fantasy-Genre, spielen in der Zukunft, setzen auf fantastische Effekte. Die Menschen sehen noch aus wie einst „Heidi“: Gesichter nach Kindchenschema mit großen Kulleraugen und kleinen spitzen Nasen. Aber ihre Welt ist schaurig und groß. „Neon Genesis Evangelion“ zeigt nicht nur Roboter, neben denen die Transformers wie Spielzeug verblassen, und monumentale Aliens. Hier ist alles XXL, auch die Festungsstadt, deren Wolkenkratzer im Notfall in unterirdische Kavernen versenkt und durch Panzertürme mit Geschützen ersetzt werden.

Man merkt den Ausschnitten und Skizzen an, dass die Macher in Fernost noch ungehemmt ihren kindlichen Spieltrieb auch in militärischen Strukturen ausleben, in Fantasien von Sex und Gewalt, in apokalyptischen Visionen. Koji Morimotos knapp 20-minütiger Kurzfilm „Dimension Bomb“ (2009) läuft komplett, und auch hier hat man eine Mischung aus aggressiven und destruktiven Szenen mit stillen, poetischen Momenten. Speziell die Flugpassagen, in denen der Körper der Protagonistin extrem gedehnt wird zu einer dynamischen Fluchtlinie, sind in Entwurfsstadien zu sehen.

Bei allen Effekten und fantastischen Einfällen gründen die Arbeiten der Filmemacher oft in exakten Recherchen. So sieht man Fotos von Hideaki Anno, der in Tokio Strommasten, Baustellen, technische Einrichtungen fotografiert, die er für seine Kreationen verfremdet. Fotos von Tokio und Hongkong bilden den Ausgangspunkt für die düsteren Szenarien in „Ghost In The Shell“. In nächtlichem Licht führt die Kamera den Betrachter durch eine Zukunftsstadt, mit Bauten, deren Stahlgerüste rosten, durch dekorativen Regen. Man sieht eine Festparade mit riesigen Maskenfiguren, die kein bisschen fröhlich wirken – und dazu die Fotos vom Taipei-Festival, die Mamoru Oshii als Anregung dienten.

Die Ausstellung zeigt eine faszinierende Welt nicht nur in kraftvollen Filmsequenzen. Auch die dichten, realistischen Aquarellszenarien von Morimoto für das Video zum Song „Extra“ zeigen die urbanen Fluchten Tokios mit einer sinnlichen Qualität, die Fotografie kaum erreicht.

Proto Anime Cut beim Hartware Medienkunstverein im Dortmunder U, bis 9.10., di, mi 10 – 18, do, fr 10 – 20, sa, so 11 – 18 Uhr, Tel. 0231 / 49 66 420, http://www.hmkv.de,

Katalog in Vorbereitung, Kehrer Verlag, Heidelberg/Berlin

Quelle: wa.de

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