Jane Birkin feiert Serge Gainsbourg bei den Ruhrfestspielen

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Drei große Mimen feiern Serge Gainsbourg: Michel Piccoli, Jane Birkin, Pierre Hervé (von links).

Von Ralf Stiftel RECKLINGHAUSEN - Bei einem Abend von und mit Jane Birkin über den Chansonnier Serge Gainsbourg erwartet man mehr Musik. Und rechnet mit „Je t’aime ... moi non plus“, dem Lied mit den vielen Stöhnlauten, das 1969 ein skandalöser Erfolg war. Aber nicht umsonst lautet der Titel des Abends „Gainsbourg, poète majeur“, großer Dichter.

Auf der Bühne bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen sitzt Jane Birkin an einem von drei Tischen. Neben ihr der große Charakterdarsteller Michel Piccoli, 89, der schon mit Godard, Buñuel, Hitchcock gearbeitet hat. Und Hervé Pierre, Ensemblemitglied der Comédie Française. Jeder sitzt da mit Wasserglas und Leselampe und spricht die Verse des Meisters. Rund 60 Texte von Gainsbourg, dazu einige seiner Aphorismen, alles in französischer Sprache (mit deutschen Übertiteln). Ja, es gibt Musik. Fred Maggi setzt manchmal ein und verleiht den Versen Farbe. Manchmal fügt sich das zusammen wie bei Jazz und Lyrics. Und bei Gainsbourgs erstem europaweitem Erfolg, dem Siegertitel des Grand Prix d’Eurovision de la Chanson von 1965, da spielt Maggi leise das Thema an, ehe Jane Birkin spricht von der blonden Puppe, der Singepuppe, „Poupée de Cire, Poupée de Son“.

Eigentlich also eine spröde Angelegenheit. Und doch lässt sich das trotz Pokalfinale gut gefüllte Festspielhaus faszinieren von Weltstars, die einen Sänger als Poeten würdigen. Denn bei dieser Dichterlesung wirken Meister mit. Bei Jane Birkin, die lange mit Gainsbourg liiert war, klingen manche Texte wie autobiografische Bekenntnisse. „Die anderen Mädchen haben schöne Titten“, liest sie, „ich bleibe flach wie ein Junge...“

Bei Michel Piccoli klingen selbst die obszönen Doppeldeutigkeiten abgeklärt und weise. Manchmal spricht er die Birkin an. Dann wieder spielt er wunderbar die Wortspiele Gainsbourgs aus, schmatzt in „Mambo miam miam“ so schön kannibalisch, und besäuselt die junge Geliebte in „Shush shush Charlotte“, auch wenn ihr ein „Pupu“ entfährt. Und wie zelebriert er „Les Sucettes“, die Lutscher, wo unter der Oberfläche des Schlagers der Oralverkehr gefeiert wird, und dehnt lustvoll Annie und l’anis zum Gleichklang.

Spätestens da merkt man, dass Gainsbourgs Texte mit ihren vielen Wortspielen, mit ihren Mehrdeutigkeiten und ihrer Klangverliebtheit den Beat und den Reggae gar nicht brauchen. Er formulierte ja so wunderbar scharf: „Ich habe meine schmutzigen Ideen sauber aufgeschrieben.“ Ein Meister der Paradoxe und ein Poet der Liebe: „Die Schönheit ist die einzige Rache der Frauen.“

Da gelingt die „Exercice en forme de Z“ dem Komödianten Hervé Pierre zu geradezu dadaistischer Klangkunst, die man unbedingt im französischen Original hören muss, auch wenn man nicht jedes Detail versteht und so schnell gar nicht die (manchmal sehr fehlerhaften) Übertitel mitlesen kann. Aber wie sich die Abenteuer von Zazie im Zoo, die Gazellen, Eidechsen (lézards), Zebus und andere Tiere mit Z besucht, da in Klängen niederschlagen, in erotischer Sprachmusik, das wird bei Pierre zum Erlebnis.

Oder wenn er den „Comic Strip“ rezitiert, und Birkin sitzt bei ihm am Tisch und wirft all die Sprechblasenlaute ein, die „Blings“ und „Smashs“ und „Zings“. Das ist heiteres Wort-Pingpong, das sich unmittelbar überträgt.

Großer Beifall für einen intensiven Abend der Poesie.

Quelle: wa.de

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