Janáceks „Katja Kabanowa“ im Großen Haus in Münster

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Trumpft auf: Hyuna Ko in der Titelrolle von Janáceks Oper „Katja Kabanowa“ in Münster. ▪

Von Edda Breski ▪ MÜNSTER–Eine Brücke überspannt die Wolga. Der Strom glitzert, wirft Reflexe. Wasser ist das elementare Symbol in Leos Janáceks „Katja Kabanowa“ – das Element, in dem die Titelheldin ihr Leben beenden wird. Am Stadttheater Münster lockt es unablässig. John Dew setzt das Libretto, das der Komponist nach dem Stück „Gewitter“ von Alexander Ostrowskij eingerichtet hat, genau um, holt das Wasser dicht an die Sänger heran.

Die Städtischen Bühnen Münster widmen sich nach dem Spätwerk „Das schlaue Füchslein“ (2009) mit „Katja Kabanowa“ einmal mehr dem Tschechen Janácek. Die „Katja“ ist eine Koproduktion mit der Oper von Göteborg und dem Staatstheater Darmstadt. Entstanden ist ein Opernerlebnis, in dem die Untiefen und Schärfen der Musik behutsam aufgefangen werden. Regisseur Dew ist bekannt durch seine Arbeit in Bielefeld und Dortmund; inzwischen ist er Intendant in Darmstadt. Seine Bildsprache in Münster weckt zunächst Assoziationen an Inszenierungen russischer Theaterstücke über die zerfallende zaristische Gesellschaft: eine Studie in Blau und Weiß, ein Hauch Sommerfrische. Dew und Bühnenbildner Heinz Balthes lassen die Handlung auf einer Brücke mit nostalgischen Geländerelementen spielen. Eigentlich ist alles klar – wenn nicht ständig das Wasser unberechenbar lockte. Selbst die Gewitterschauer im dritten Akt funkeln – in Kontrast zu der sehr zurückgenommenen, dabei schlüssigen Personenführung. Der Salon der Kabanows ist gutbürgerlich, hier sticken züchtig die Frauen. Die Kleider (José Manuel Vásquez) sind gediegener Jahrhundertwendestil: vom grandiosen Kleid und ausladenden Hut der herrschsüchtigen Kabanicha bis zu Boris‘ dandyhaftem Lebemann-Aufzug.

Dew und sein Team inszenieren eine Reflexion über eine scheinbar intakte Gesellschaft – ganz im Sinne Janáceks, der in seiner Oper, die von 1919 bis 1921 entstand, nicht nur den sich ankündigenden Umsturz in der russischen Gesellschaft andeutet, sondern auch das Unabhängigkeitsstreben seines Landes reflektiert. Die heile Welt ist ins Rutschen geraten. Der Kabanowsche Salon hängt schräg auf einer Planke über dem Wasser, während Katja (Hyuna Ko) vom Ehebruch träumt. Die Wassermetaphorik Dews setzt mit anderen Mitteln die Metapher Janáceks vom Davonfliegen ein. Beide enden final.

Dramatisch klingt es aus dem Orchestergraben. Münsters Generalmusikdirektor Fabrizio Ventura führt sein Orchester souverän durch die Partitur. Schon im Vorspiel arbeitet er aus den Kantilenen, die sich in Antizipation der Liebesgefühle Katjas aufschwingen wollen, die Schärfe wie auch die Fragilität heraus. Das Intermezzo beim Wiedersehen von Boris und Katja im dritten Akt klingt unheimlich zerbrechlich. Die Musiker bewältigen ihre schwierigen Parts beachtlich. Gesungen wird auf Deutsch, nicht immer gut verständlich – die Übertitelung hilft.

Sängerisch und darstellerisch trumpft Hyuna Ko in der Titelpartie auf. Sie verleiht der Katja enorme Expressivität. Ihre Stimme klingt nicht immer rein, doch sie wirft sich mit aller Energie in die Partie, ihre Darstellung entwickelt einen großen Sog. Als ihr Liebhaber Boris Grigorjewitsch sang Norbert Schmittberg die Premiere. Sein Tenor ist streckenweise überfordert, die Stimme bricht ihm weg. Andrea Shin ist ein schwachbrüstiger Tichon, liefert aber insgesamt ein gutes Rollenportrait des Schwächlings ab. Nadine Secunde teilt sich die Rolle der Kabanicha mit Suzanne McLeod. Sie stellt überzeugend die bigotte Frau dar, die Moral predigt, während ihr Dikoj (Plamen Hidjov) unter den Rock krabbelt. Stimmlich bietet sie große Kraft, aber leider wenig Präzision. Judith Gennrich und Fritz Steinbacher sind als Warwara und Kudrjach ein frisches Liebespaar.

26.11., 1., 9., 17., 21., 28.12., Tel. 0251/59 09 100, http://www.stadttheater.muenster.de

Quelle: wa.de

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