James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“

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Ein wütender Autor: James Lee Burke.

James Lee Burke schreibt im Vorwort, dass „Sturm über New Orleans“ sein wütendstes Buch sei. Das trifft besonders die ersten 100 Seiten sehr genau. Da nimmt Burke uns mit auf eine Höllenfahrt durch New Orleans im August 2005, als gerade der Hurrikan Katrina gewütet hat.

Burke macht die Wucht des Sturms durch den Vergleich deutlich: die mehrfache Stärke der Hiroshima-Atombombe. Er schildert Wetterphänomene. Er zeigt, was Katrina hinterließ, indem er seinen Helden durch die Stadt danach führt: „Der Leichnam eines fetten Schwarzen trieb, bäuchlings im Wasser schaukelnd, vor einer Verpfählung. Sein Sonntagsstaat hatte sich mit Luft aufgebläht, die Arme waren zu beiden Seiten ausgestreckt. Schmutzig gelber Schaum, von unseren Reifen aufgewirbelt, schwappte über seinen Kopf. Die Leiche sollte mindestens drei Tage dort bleiben.“ Er erzählt vom Gestank und den Fliegen, von Plünderern und Verzweifelten. Und er findet Schuldige. Jeder wusste, schreibt er, dass die Deiche zu schwach waren für einen Sturm der Kategorie 5. Aber die Regierung Bush hatte „erst ein paar Monate zuvor die Mittel zur Ausbesserung der Deiche drastisch gekürzt“.

Bei aller Prägnanz ist dies aber kein politischer Essay, sondern ein großer Kriminalroman, der davon handelt, wie die Polizei und einige andere Menschen in dem Chaos nach dem Unwetter mit mehreren Verbrechen umgehen. Alles hängt hier mit allem zusammen, aber das überschauen zunächst weder der Leser noch der Polizist Dave Robicheaux. Seit 1978 schreibt Burke atmosphärisch ungemein dichte Romane um diese Figur, einen trockenen Alkoholiker, der geläutert ist durch einige Schicksalsschläge. Ein Moralist, der niemanden verurteilt, der vor allem versucht, sich, seine Patchwork-Familie und alle anderen möglichst heil aus dem Schlamassel zu holen. Das wird nicht einfacher durch Robicheaux’ besten Freund Clete Purcell, einen jähzornigen Trinker und Schläger, einst auch Polizist, jetzt Detektiv für ein Kautionsbüro.

In der verwüsteten Stadt gibt es selbst beim Verbrechen keine Ordnung mehr. Da geht es um einen drogensüchtigen Priester, der verschwunden ist. Eine Bande schwarzer Jugendlicher, die vor einiger Zeit ein Mädchen vergewaltigt hat, plündert das Haus eines Gangsterbosses. Es geht um falsches Geld und Blutdiamanten und Selbstjustiz und um Politik. Es wird geschossen, und plötzlich sind zwei der Brothers tot. Und dann taucht ein psychopathischer Auftragsmörder auf.

Burke, Jahrgang 1936, fasst das in ein apokalyptisches Mosaik aus kurzen Szenen, deren Zusammenhang sich nach und nach erschließt. Mit seinem Helden, der mehr als Beobachter denn als zielstrebiger Fahnder auftritt, teilt er das große Herz für seine Charaktere. Er liefert ein wunderbar nuanciertes Bild voller Abstufungen, tiefe Charakterzeichnungen, ohne sich in Gefühls-Gerede zu verlieren. So rührt uns nicht nur Otis Baylor, der Versicherungsvertreter, der sich um seine Mitmenschen kümmert und der sich auch vom Kummer um seine geschändete Tochter nicht beugen lässt. Burke zeigt auch den Menschen in Bertrand Melancon, einen der Vergewaltiger, der seinen Kumpel sterben sah, der bereut und wieder gutmachen will. Sogar für Sidney Kovick, den Blumenhändler mit den kriminellen Nebengeschäften, bringt Burke ein gewisses Verständnis auf.

Lange waren die Bücher von Burke nicht lieferbar. Sie passen nicht in die Krimi-Moden. Burke gehört in die Tradition des Noir, die einst Chandler und Hammett begründeten. Das Verbrechen und seine Aufklärung bieten die Möglichkeit zu Gesellschaftsbildern. Umso erfreulicher, dass sich der Pendragon-Verlag dieses Autors annimmt.

Lames Lee Burke: Sturm über New Orleans. Deutsch von Georg Schmidt. Pendragon Verlag, Bielefeld. 576 S., 17,99 Euro

Quelle: wa.de

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