„Jäger und Sammler in der zeitgenössischen Kunst“ auf Schloss Morsbroich

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Kleider machen Jäger: Mark Dions Installation „Great White Safari Hunter“ (2009) ist in der Leverkusener Ausstellung zu sehen.

Von Ralf Stiftel LEVERKUSEN - Der junge Mann in der Lederjacke tritt vor das Supermarktregal, zielt – und jagt einen Pfeil in das Waschmittelpaket. Er schießt ein Brot ab. Und sogar ein Huhn in der Tiefkühltruhe, was nur geht, weil der Pfeil sich in die Plastikverpackung bohrt. Die Beute bringt Christian Jankowski zur Kasse und zahlt.

Gut eine Minute dauert das Video, das eine Aktion des Künstlers von 1992 dokumentiert. Und es verdeutlicht aufs Feinste, worum es in der Ausstellung „Jäger und Sammler in der zeitgenössischen Kunst“ geht. Das Museum Morsbroich in Leverkusen präsentiert Werke von rund 20 Künstlern, die den archaischen Überhang im Zeitgenossen zum Thema machen. Mit den beiden Tätigkeiten begann die Menschwerdung. Und für viele moderne Aktivitäten benutzt man heute noch Wendungen aus der Jägersprache. Jagen und sammeln stehen in den Kunstwerken für anthropologische Konstanten.

Die Schau bezieht sich auch auf den Standort. Das Schloss Morsbroich wurde eigentlich seit dem 17. Jahrhundert für die Jagd genutzt. Besonders der Deutschordensritter Ignaz von Roll, der im späten 18. Jahrhundert das Lustschloss in seiner heutigen Form bauen ließ, vertrieb sich die Zeit mit den Lustbarkeiten, die ihm als Geistlichem erlaubt waren, Festen und der Jagd. Das Herren- oder Jagdzimmer des Schlosses, gerade restauriert und wieder mit einem Kronleuchter aus Geweihen ausgestattet, wird zum historischen Ausgangspunkt der aktuellen Schau. Hier kann man auch noch alte Jagdbücher mit Abschusslisten ansehen.

Kurator Fritz Emslander widmet sich dem Thema mit der richtigen Mischung aus Ernst und Ironie. Nicht nur eingefleischte Tierschutz-Aktivisten sehen scheel auf die seltsam kostümierten Gestalten, die durch den Wald ziehen und unsere vierbeinigen Lieblinge einfach totschießen. Jagd ist heute eine oft anachronistische Inszenierung. Viele Künstler greifen das auf. Der Amerikaner Mark Dion zum Beispiel staffiert fünf Kleiderständer mit Jagdkleidung aus, so dass sie zu indirekten Porträts werden: Den Höhlenmenschen bringen Fell und Wurfspieß vor unsere Augen, den Fuchsjäger die rote Jacke, das Horn, die Reitgerte, und den „Great White Safari Hunter“ erkennen wir am Tropenhelm und der Weste mit der großkalibrigen Munition für die „Big Five“. Eine weitere Arbeit steht im Schlosspark, die Jagdhütte eines Völlers, mit einer eingedeckten Tafel, Würsten und hängenden Enten, Schnaps und in einer Ecke einem Eimer voller abgenagter Knochen.

Es geht aber auch anders. David Chancellor begleitet in einer eindrucksvollen Fotostrecke einen Jäger in den schottischen Highlands, der im Grunde wie vor 200 Jahren den erlegten Hirsch über die Hügel schleift, auf das Tragpferd bindet, zur Hütte bringt. In einer weiteren Serie hat der in Südafrika lebende Fotograf den Safari Club in Dallas, Texas, aufgesucht. Hier haben sich ältere Herren und Damen als anonyme Beutemacher zusammengetan, mittlerweile stehen Löwen, Nashörner, Walrosse unter Naturschutz, ist der Handel mit Trophäen verboten. Das Bild mit dem weißhaarigen, korpulenten Herrn, der inmitten seiner Trophäen posiert, wirkt nicht nur tragisch, weil er die vielen schönen Tiere abgeknallt hat. Die präparierten Leichen sehen lebendiger aus als er, allein, ganz weit hinten in einer Ecke.

Die niederländische Künstlerin Tinkebell ist im Internet auf Amy gestoßen, die als Schulmädchen das Ausstopfen toter Tiere als Hobby entdeckte. Bald schon hatte sie nicht mehr genug Material, und sie begann mit der Jagd, erst Eichhörnchen, später Rehe und Hirsche. Die Präparate verkauft Amy übers Internet. Tinkebell erwarb jedes Jahr eins und arrangierte sie mit Fotos und Texten von Amys Blog zu einem teilweise erschreckenden Mosaik, bei dem man ein Mädchen im Puppenspielalter mit der Knarre posieren sieht oder im Tarnanzug, während sie ein erbeutetes Reh häutet.

Erik Schmidt studierte für sein Video „Hunting Grounds“ (2006) die Parallelwelt adliger Jagdgesellschaften in Ostwestfalen. Er zeigt eine Hetzjagd zu Pferde mit Hundemeute und schneidet ein abendliches Diner auf dem Schloss dazwischen. Außerdem agiert er selbst als Spaziergänger, der zum Gejagten wird – und am Ende auf einen Jäger trifft. Sehr schön deckt er durch die Gegenschnitte die Rituale der Oberschicht auf, Imponiergesten und die Witterung, welche Position das Gegenüber einnimmt. Auch im Salon finden sich Elemente der Jagd.

Und so durchstreift die Schau ein wahrlich weites Feld. Henry Coombes posiert in seinem Video „Laddy and the Lady“ im Hundekostüm als unfähiger Apportierhund einer resoluten Lady bei der Vogeljagd. Daniel & Geo Fuchs zeigen Detailfotos von präparierten Tieren und Tierteilen aus naturwissenschaftlichen Sammlungen, die ebenso berühren wie erschrecken. Simona Pries bestattet getrocknete und mumifizierte Tierreste, die sie auf der Straße fand, in hohen schwarzen Glasstelen. Und Isa Melsheimer gibt „Unbeachteten Pflanzen“, die in Leverkusener Amtsstuben vor sich hin trockneten, eine Überlebenschance im Museum, als Biotop für kleine Porzellanvögel.

Hier finden sie ihre mal besinnlichen, mal erheiternden Momente: die Jagdverächter ebenso wie die Jäger.

Jäger und Sammler in der zeitgenössischen Kunst auf Schloss Morsbroich Leverkusen.

Bis 11.1.2015, di – so 11 – 17, do bis 21 Uhr, Katalog, Wienand Verlag, Köln, 24 Euro.

Tel. 0214 / 855 560.

www.museum-morsbroich.de

Quelle: wa.de

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