Jacques Roubauds Buch „Der Verwilderte Park“

Von Ralf Stiftel ▪ Eigentlich erlebt der Leser von Jacques Roubauds Erzählung „Der Verwilderte Park“ nur eine schöne Sommerzeit in der französischen Provinz. Dora, ein Schulmädchen, kommt mit ihrem Onkel Vlad zu Besuch bei Freunden um den anarchistischen Patriarchen Camillou. Hier trifft sie den etwas älteren Jungen Jacques, mit dem sie später einige unbeschwerte Kinderabenteuer erlebt. Im Verwilderten Park zum Beispiel, wo sie in einem leeren Wasserbassin Abenteuer des Dschungelbuchs nachspielen. Eine Familie von Königskobras denken sie sich aus, die auf Opfer lauert.

Das geschieht 1942, mitten im Krieg, im besetzten Frankreich. Offensichtlich müssen Dora und Vlad aus Toulouse fliehen vor den Deutschen. Aber das deutet der Autor nur an: „Dora versuchte, keine Angst zu haben. Und dennoch.“ Das Mädchen schnappt Radionachrichten auf. Und die Kinder entdecken das geheime Lager eines Spions, ein Funkgerät, und sie glauben, sie müssten Jim, dem Engländer, helfen. Am Ende aber kommen sie doch, die Deutschen. Und Dora wird von einem Eisenbahner im Zug mitgenommen.

Jacques Roubaud, geboren 1932, verarbeitet in seiner Erzählung eigene Erlebnisse. Der Jacques, den Dora trifft, ist der Autor ebenso wie jener Goodman James, der 50 Jahre später das Tagebuch des Mädchens findet und die Ereignisse rekonstruiert. Roubaud, hierzulande bekannt für seine Romantrilogie um die „Schöne Hortense“, gehört seit 1966 zur avantgardistischen Literaturvereinigung Oulipo, die versucht, neue Formen und Ausdrucksmöglichkeiten durch selbstgesetzte Beschränkungen zu erreichen. Roubauds Kollege Georges Perec schuf das berühmteste Muster dafür, indem er im Roman „La Disparation“ (Anton Voyls Fortgang, 1969) auf den häufigsten Buchstaben des Alphabets, das e, verzichtete.

Roubaud verwendet gern mathematische Elemente. In der Erzählung „Der Verwilderte Park“ steht am Ende jedes Kapitels ein kurzes oulipotisches Gedicht, das durch die Anwendung einer geometrischen Verschlüsselung entstand. „rot der Mond, da, die Luke, rot; da: Luke, Mond, rot“, lautet eins davon. Verschlüsselt findet der Leser darin einen Nachgeschmack des gerade Gelesenen, und er muss gar nicht genau wissen, wie das zustande kam.

Die Bedrohung ist präsent in diesen Kinderspielen, in der Freude über das ungewöhnlich große Frühstücksei, das von der Ente Bacadette stammt, die ihr tägliches Ei an immer neuen Orten versteckt, in den vorpubertären ersten Erkundungen der Sexualität, im Ausdenken von Gefahren, das so unschuldig bleibt. Dem Grauen – und leider endet auch diese Geschichte grausam – setzt Roubaud eine kurze Zeit der Unbeschwertheit entgegen, beschwört leise Glücksmomente als Gegenpol zur Trauer. Das Schicksal der Flüchtigen notiert Goodman James am Ende.

Diese Erzählung zwischen Schönheit und Schmerz wird durch das Spielerische nicht banalisiert. Ihre Poesie verleiht ihr größere Eindringlichkeit.

Jacques Roubaud: Der Verwilderte Park. Deutsch von Tobias Scheffel. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin. 121 S., 15,90 Euro

Quelle: wa.de

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