Isabelle Huppert bei Ruhrfestspielen mit dem Thema „Inselreiche“

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Begeistert nach Paris demnächst Recklinghausen mit Marivaux: Isabelle Huppert.

Von Ralf Stiftel RECKLINGHAUSEN - Zufrieden sieht Frank Hoffmann aus. Der Leiter der Ruhrfestspiele hat ja auch den größten Teil der Arbeit geleistet. Hat Maximilian Schell „quasi überredet“, aus seiner Autobiografie vorzulesen. Und nun will der deutsche Oscar-Preisträger gern auch mit dem Publikum sprechen. Isabelle Huppert ist gebucht. Sie kommt mit einem frischen Bühnenerfolg aus Paris: Marivaux’ „Les Fausses Confidences“ (Die falschen Vertraulichkeiten), inszeniert von Luc Bondy. Charlotte Rampling, die 2013 eigentlich schon versprochen war, aber wegen Fernsehverpflichtungen absagte, stellt jetzt ihr Programm mit Texten von Sylvia Plath vor. Und Michael Gambon, Hollywood-Star (u.a. Dumbledore in den Harry-Potter-Filmen), spielt jetzt ein Solo-Stück von Samuel Beckett.

Und dabei sind die Ruhrfestspiele 2014 gar kein Promi-Parcours. Sondern Hoffmann folgt durchaus einem Konzept, hat dem Programm einen roten Faden eingezogen, der dem Überraschenden, vielleicht gar Abgelegenen durchaus Raum bietet. „Inselreiche. Land in Sicht – Entdeckungen“ lautet das Motto. Er möchte damit Blicke von außen auf den Kontinent werfen. Schon die Eröffnungspremiere macht das vieldeutig deutlich: Shakespeares Drama „Der Sturm“ ist wohl das berühmteste Insel-Stück der Weltliteratur. Manfred Zapatka spielt den verbannten Zauberer Prospero, dem auf seinem Inselasyl plötzlich seine Feinde in die Hände fallen. Regie führt Gisli Örn Gardarsson, ein Isländer, der das Drama laut, heftig und kurzweilig inszeniert.

Die nächsten Inseln sind Irland und Großbritannien. Also stehen Dramatiker wie Beckett und Sean O’Casey auf dem Programm. Von Beckett wird „Warten auf Godot“ gegeben, Samuel Finzi und Wolfram Koch spielen in einer Inszenierung von Ivan Panteleev. Eigentlich sollte Dimiter Gotscheff Regie führen, aber der starb vor einem Vierteljahr. Die Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin ist ihm gewidmet, soll aber, so Finzi, eine eigenständige Arbeit sein. Das Gate Theatre Dublin gastiert mit zwei Ein-Personen-Stücken Becketts in Marl, „Eh Joe/ I’ll Go On“; es spielen Gambon und der ebenfalls aus vielen Filmen bekannte Barry McGovern (u.a. „Braveheart“ mit Mel Gibson). Das Deutsche Theater Berlin ist mit Jan Bosses Inszenierung von Becketts „Endspiel“ in Marl zu Gast, es spielen Ulrich Matthes und Wolfram Koch. So frisch eingeplant, dass es nicht mehr ins Programmbuch kam, ist eine Dramatisierung von Virgina Woolfs „Orlando“ mit Filmstar Katja Riemann und dem Gitarristen Arne Jansen.

Mit Sean O’Casey will Hoffmann einen heute wenig gespielten „großen Komödienautor“ herausstellen. Sebastian Hartmann inszeniert in einer Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart „Purpurstaub“, das Theater Lindenhof aus Melchingen zeigt „Das Ende vom Anfang“. Das irische Abbey Theatre gastiert mit Owen McCaffertys Drama „Quietly“ um einen Terroranschlag.

Von der fernen Insel Japan kommt erstmals ein Ensemble zu den Ruhrfestspielen. Das Tokyo Metropolitan Theatre spielt, in englischer Sprache, „The Bee“, ein groteskes Drama um einen Kriminellen, der seine Familie sehen will. Er nimmt die Familie eines Angestellten als Geiseln, und der kidnappt zum Ausgleich die Familie des Gangsters.

Auch ein Mensch kann eine Insel sein. Der Held in Luigi Pirandellos Komödie „Heinrich IV.“ gilt als Irrer in einer Umgebung von „Normalen“, ist aber längst wieder zu Verstand gekommen, was er vor den anderen verbirgt. Frank Hoffmann selbst inszeniert das Stück, das in Italien oft, hierzulande so gut wie nie gespielt wird.

Etwas seltsam wirkt das Gastspiel des Vakhtangov-Staatstheaters aus Moskau, das auf Russisch Harold Pinters „Verrat“ spielt. Hoffmann betont aber, er wolle das Festival internationalisieren – und die Truppe sei einfach toll. Zudem gebe es viele Migranten mit russischem Hintergrund in der Region.

Es ist ein opulentes Programm mit 78 Produktionen, darunter acht Uraufführungen, zwei deutschsprachigen Erstaufführungen und sieben Deutschlandpremieren. Beim Festival der Uraufführungen ist nicht nur das Siegerstück des Kleistförderpreises zu sehen, Michael Decars Gesellschaftskomödie „Jenny Jannowitz“. Die streitbare Autorin Juli Zeh und ihre Kollegin Charlotte Roos nehmen sich mit „Mutti“ die Große Koalition vor, die ausgerechnet im Fußball-WM-Sommer in eine schwere Krise gerät. Und sogar Musiktheater ist geplant: Der Bochumer Komponist Stefan Heucke hat am Dienstagabend um 22.30 Uhr die letzten Noten zu „Iokaste“ geschrieben, einer Oper über die Mutter des Ödipus.

In den höchsten Tönen schwärmt Hoffmann vom Gastspiel des Eifman State Academy Ballet aus St. Petersburg, „Beyond Sin“: Boris Eifman habe endgültig die Nachfolge von Maurice Béjart angetreten. Und dann gibt es noch Kinderprogramm, das Fringe-Festival und das Abschlusskonzert mit der Band Jupiter Jones.

3.–7.5. Der Sturm, Regie: Gisli Örn Gardarsson

4.5. Lesung Claus Peymann und Hermann Beil

6.–10.5. Eh Joe/I’ll Go On, mit Michael Gambon und Barry McGovern

10.–14.5. Heinrich IV., Regie: Frank Hoffmann

12.–14.5. Vater, Drama zum Thema Demenz mit Volker Lechtenbrink

12.–14.5. Quietly, Abbey Theatre, Dublin

16.–18.5. Endspiel, mit Ulrich Matthes und Wolfram Koch

16.–19.5. Waisen, mit Judith Rosmair, Johann von Bülow, Uwe Bohm

17.–20.5. Pupurstaub, Regie: Sebastian Hartmann

22.–24.5. Mutti, von Juli Zeh und Charlotte Roos

23.–26.5. Szenen einer Ehe, Regie: Jan Bosse, mit Joachim Król

23.–25.5. Verrat, Vakhtangov-Staatstheater Moskau

23.–28.5. Alice, Who The F*** Is Alice, mit Psychiatrie-Patienten

25.5. Neue Welt, Cross-Over-Konzert Neue Philharmonie Westfalen und das clair-obscur Saxophonquartett

25.5. Danses Nocturnes, Texte von Sylvia Platz mit Charlotte Rampling

27.5. Ein Abend für Otto Sander mit Filmen, moderiert von seinen Ziehkindern Meret und Ben Becker

29.5.–1.6. iD, Cirque Eloise

30.5.–1.6. Les Fausses Confidences, mit Isabelle Huppert

30., 31.5. Das Ende vom Anfang, Theater Lindenhof

2.–4.6. The Bee, Tokyo Metropolitan Theatre

3., 4.6. Penelope von James Joyce, mit Barbara Nüsse

5.–9.6. Warten auf Godot, mit Samuel Finzi und Wolfram Koch

5.–8.6. Dreizehn Drei Dreizehn, Regie: Corinna Harfouch

8., 10.6. Iokaste, Oper von Stefan Heucke

11.–15.6. Beyond Sin, Eifman State Academy Ballet St. Petersburg

11.–15.6. Dalí vs Picasso mit Samuel Finzi

12., 13.6. Orlando, mit Katja Riemann und Arne Jansen

12.–14.6. Jenny Jannowitz, von Michael Decar

15.6. Lesung Maximilian Schell

15.6. Konzert Jupiter Jones

Tel. 02361/ 92 180, www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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