Irre in der Küche: Simon Wroes Roman „Chop Chop“

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Simon Wroe

Von Ralf Stiftel - Es geht in Simon Wroes Roman „Chop Chop“ um die Haute Cuisine, um Soufflés, Hummer, Pastinakenpüree, Crème Anglaise. Aber Rezepte findet der Leser nicht darin. Zum Anfang beschreibt uns der Autor, ein ausgebildeter Koch, wie man Schweinsköpfe für die Weiterverarbeitung präpariert, und er verschweigt nicht, was man spürt, wenn man mit den Fingern in den Nasenlöchern hängenbleibt: „alten Rotz“.

„Chop Chop“ spielt in der Küche des Londoner Gourmet-Restaurants „Swan“, das in der falschen Gegend liegt, in Camden, wo sich Rucksack-Touristen, Drogendealer, Penner rumtreiben. Hier findet der Ich-Erzähler „Monocle“ einen Job als Commis. Was einen Koch auf der untersten Stufe der Küchenhierarchie bezeichnet. Für einen Literaturwissenschaftler und Möchtegernschriftsteller ohne jede Aussicht auf Stellung und Einkommen eine Perspektive, immerhin, aber was für eine trübe: „Ich war eine Maschine, die ganz nach Wunsch der anderen Köche jeder beliebigen Verwendung zugeführt werden konnte.“

Das wiederum kann zum Problem werden in einer Umgebung wie dem „Swan“, wo „der Bob“ herrscht, ein jähzorniger Diktator am Herd, der seine Untertanen zur Strafe schon mal in den Kühlraum sperrt oder ihnen mit flüssigem Karamell ein Brandmal auf die Hand verpasst. Ob der geniale Koch, der nicht grundlos „Rassisten-Dave“ genannt wird, besser ist, ein Mann mit dunkler Vergangenheit aus dem Norden? Oder der durchgeknallte Ramilow, ein Söldnertyp aus Albanien, der die fatale Neigung hat, Männern an den Hintern zu greifen. Man möchte nicht wissen, was hinter den Kulissen vor sich geht, wenn man gerade seine Lammkeule „Vadouvan“ genießt. Wroe enthüllt schonungslos das Treiben der Psychopathen, die in der Küche im Akkord schuften.

Das ist ebenso witzig wie manchmal eklig. Aber der Autor legt noch einiges drauf. Stammgast im „Swan“ ist der „Dicke“, ein Gierschlund, der sich durch die Speisekarte futtert. Das tut der Kasse wohl, verletzt aber das Ego der Köche. Zumal der Dicke ein Drahtzieher des organisierten Verbrechens ist, ein bestens informierter Erpresser. Gelegentlich fordert er Köche für ein privates Diner an, bei dem Tiere zubereitet werden, die vom Aussterben bedroht sind.

Und dann ist da noch das Trauma von Monocles Familie. Vater und Mutter sind zerstritten. Ein älterer Bruder starb zu früh und wird dem überlebenden Sohn als unerreichbares Vorbild vorgehalten. Und eines Tages, nach einem Seitensprung zuviel, steht Monocles Vater vor der Tür und sucht eine Bleibe.

Das ist munter erzählt. Mit einer Menge unflätiger Ausdrücke, aber nicht ohne Ambitionen. Nicht zufällig lässt Wroe Monocle beim Vorstellungsgespräch Baudelaires Gedicht über den Schwan rezitieren. Den Bob interessieren mehr die Hände des Bewerbers. Was Monocle nicht daran hindert, an allen passenden und unpassenden Stellen mal Dante, mal Tolstoi ins Spiel zu bringen. Außerdem mischen sich Rassisten-Dave und Ramilow als „Lektoren“ in den Text ein. So handfest das Zerschneiden und Zubereiten von Tieren und Pflanzen auch vor sich geht, Wroe gewinnt der Küchenvorhölle manch existentielle Bilder ab. Und er erzählt eine diskrete Liebesgeschichte zu dem stillen dunkeläugigen Mädchen, das vielleicht ein bisschen zu absichtlich Harmony heißt.

Und ein Buch, das eine Liste mit Komposita als geheimes Inhaltsverzeichnis in sich trägt mit Schöpfungen wie dem „Kellnerinnenäugeln“, dem „Köcheausschimpfen“ und dem „Heißbrautlauern“, das hat seinen Wert sowieso bereits bewiesen.

Simon Wroe: Chop Chop. Deutsch von Robin Detje. Ullstein Verlag, Berlin. 347 S., 18 Euro

Quelle: wa.de

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