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„Intime Revolution“ ist im Bochumer Stüh33 eine Veranstaltung der Ruhrtriennale

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Von: Achim Lettmann

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Über Kopfhörer im Bochumer Stüh33 lassen sich Monologe zu Sex-Biografien vernehmen.
Über Kopfhörer im Bochumer Stüh33 lassen sich Monologe zu Sex-Biografien vernehmen. © Sabrina Weniger

Unserer sexualisierten Gesellschaft begegnen Anna Papst und Mats Staub mit aufrichtigen Beiträgen zu Sex-Biografien. Im Bochumer Café Stüh33 werden sie als „Menü“ angeboten und vorgelesen.

Bochum – Im Café Stüh33 bringt der Kellner mit der kurzen Schürze die Getränke, die Bedienung mit der langen Schürze das Menü. Das ist nicht immer so. Die Ruhrtriennale veranstaltet in dem Bochumer Lokal eine „Intime Revolution“, so der Titel. Am Eingang wird man freundlich empfangen und informiert. Eine Wohlfühlatmosphäre entwickelt sich: helles Ambiente, kleiner Tisch, Kopfhörer, ein Weinchen? „Überlegen Sie, worauf Sie heute Abend Lust haben?“ ist eine Frage. Und das Konzept versichert, hier ist alles sortiert und interessant.

Die Menü-Karte der Audio-Vinothek stellten Anna Papst und Mats Staub zusammen. Die Regisseurin und der Theaterwissenschaftler haben Menschen gefunden, die über Sex sprechen. Mit ihrem Langzeitprojekt „Intime Revolution“ begegnen sie so der sexualisierten Gesellschaft unserer Zeit mit aufrichtigen Aussagen zur Intimität. Reden ist wichtig, empfiehlt eine Sextherapeutin nebenbei, meist fehlen Gespräche unter Partnern: „Was möchtest Du?“

Unter vier Menüs mit verschiedenen Sex-Biografien lässt sich auswählen. Zum Beispiel Michael (51), der sich gern fesseln lässt. Simona (35), die wechselnde Liebhaber hat. Oder Marco (27), für den Sex ein Hauptteil seiner Persönlichkeit darstellt. Es geht um Sexarbeit, Umgang mit romantischen Vorstellungen, Freizügigkeit, Liebe im Alter, das Körpergefühl nach einer Brust-OP, Homosexualität und vieles mehr.

Die Monologe sind nachgesprochen. Sie lohnen, weil die Berichte ganz private Ansichten öffnen. Das erstaunt, wie offen sich Menschen auf Sexarbeit einlassen. Es werden Lebensweisen erklärt, wenn eine Frau ihr Bedürfnis nach Partnern mit dem Vater in Verbindung bringt, der immer ihre Mutter betrogen hatte. Hängt das zusammen? Es sind keine Forschungsergebnisse, aber plausible Schlussfolgerungen. Ein Transgender („Ich bin fluide“) hat erst Sex und dann Erotik erfahren. Dinge passieren anders. „Wir sind nie fertig“, sagt David (31).

Wer in der Audio-Vinothek zuhört, erweitert seinen Horizont, kann die eigene Gefühlswelt neu vermessen und sich fragen, ob alles so bleiben soll? Diese Bewusstwerdung und Reflexion erinnert an einen gelungenen Theaterabend, wenn es um politische Aufklärung und bürgerliche Moral geht. Was nehme ich mit? Was tut mir gut?

Bei der Uraufführung dieses Erzählformats waren viele junge Menschen im Stüh33. Die „Intime Revolution“ ist angelaufen – zumindestens im Kopf.

18., 19., 20. 8.; 8., 9., 10. 9.; Tel. 0221/280 210; www.ruhrtriennale.de

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