Interview: Ute Eskildsen verlässt Museum Folkwang

Ute Eskildsen vor dem Werk „Lotte (Auge)“ von Max Burchartz im Museum Folkwang. ▪ Foto : ©Timm Rautert

ESSEN ▪ Ute Eskildsen verlässt im September das Museum Folkwang in Essen. Sie hat seit 1978 die Fotografische Sammlung aufgebaut und zu einer der bedeutendsten Einrichtungen dieser Art in Deutschland gemacht. Sie geht in den Ruhestand. Hinter ihr liegt eine unvergleichliche Arbeit. Ute Eskildsen sprach mit Achim Lettmann über Digitalfotografie, die Wirkung schneller Handyfotos und ästhetische Erziehung.

Die Fotografie hat das Unvorstellbare in Kriegen gezeigt, mit Reisebildern die Kontinente zusammengerückt und in Porträts Menschen abgelichtet. Sind die tradierten Bildprogramme noch aktuell?

Ute Eskildsen: Ich denke doch, dass sie noch aktuell sind, obwohl sie sich verändert haben. Weiterhin haben Sie Reisebilder, die Menschen animieren, irgendwo hinzufahren. Auch gibt es noch sozialkritische Bilder, die Menschen nachdenklich machen. Die Frage ist, was sich verändert hat, und wo sind diese Bilder noch zu sehen? Wenn man heute an den Bahnhofskiosk geht, da staunt man ja und denkt, so viele Zeitschriften gab es noch nie. Es ist alles segmentiert. Die klassische Illustrierte gibt es nicht mehr. Aber alle Interessen sind vertreten, man kann sich das holen, was man möchte. Was sich hingegen stark verändert hat, und das haben wir jetzt im Arabischen Frühling gesehen, dass der klassische Bildjournalismus die News-Fotografie zum Teil auf die Bürger übertragen hat. Heute werden mit einer Leichtigkeit fotografische Bilder erstellt. Die Handyfotografie und die digitale Fotografie mit kleinen Kameras erleichtert das Bildermachen. In den 1920er Jahren hat die Kleinbildkamera einen Einschnitt gebracht. Heute ist diese Entwicklung noch einmal potenziert.

Weshalb ist die Fotoreportage zum historischen Sujet geworden?

Eskildsen: Das liegt daran, dass sich die Printmedien verändert haben, die fotografische Berichterstattung immer weniger Beachtung erhielt und sich die engagierten Fotografen auf das Medium Buch und auf Ausstellung konzentrieren.

Sie haben mit ihrer Arbeit immer wieder überrascht. Als Leiterin einer Sammlung, die Profil brauchte, und als Kuratorin, die mit Themen wie „Die Fotografinnen der Weimarer Republik“ Fotogeschichte sichtbar machen konnte. Was gibt es noch zu entdecken?

Eskildsen: Es gäbe zum Beispiel die Geschichte der Bildagenturen zu entdecken. Die Fotografenvertretung und der Bildverkauf sind sehr spannend, und hängen eng zusammen mit den Arbeitsbedingungen und den politischen Konstellationen der jeweiligen Länder. Ansonsten gibt es immer die neue Produktion zu entdecken, die zeitgenössische Fotografie.

Führte die Digitalisierung zu einem großen Bruch in der Fotografie?

Eskildsen: In bestimmten Bereichen ja, und dieser Bruch wird sich noch stärker auswirken, weil die Autorenschaft zunehmend verschwindet. Das heißt, sie können nicht mehr kontrollieren, wo ihre Bilder hingehen. Ich glaube, in der Praxis geschieht das bereits. Die Fotografen sehen ihre Bilder zum Großteil nur noch auf dem Bildschirm. Das hatte eigentlich schon begonnen mit dem Dia. Damals gaben die Fotografen ihre Dia-Karussells an die Redaktionen. Mit dem Printfoto hatten sie nichts mehr zu tun. Das Digitale hat auch Vorteile. Ökologisch natürlich, die Chemie gibt es nicht mehr, die Fotografen müssen nicht mehr in die Dunkelkammer. Aber was sich erst in 20 bis 50 Jahren zeigen wird, ist, ob wir noch eine visuelle Geschichte haben, denn das Löschen der Bilder ist verführerisch.

Ist dadurch die Frage, was ist Fotokunst, neu zu stellen?

Eskildsen: Das glaube ich nicht. Es ist keine analoge Fotografie mehr. Das heißt, wir sind aufgefordert, genauer zu sein. Das eine ist analoge Fotografie und das andere sind digitale Bilder. Was sich verändert hat, ist, dass das fotografische Bild nicht mehr am Referenten hängt. Das analoge Foto hatte immer den Hinweis darauf, dass jemand dagewesen ist, der das Gezeigte erfahren hat. Und das ist vorbei. Wir wissen heute nicht mehr, ob das Geschehen wirklich stattgefunden hat. Aber Kunst steht nicht in direkter Beziehung zur Authentizität.

Wie lässt sich der Respekt vor der Fotografie bewahren, die so schnell und so nebenbei entstehen kann? Geht das nur über die Aufwertung als Kunstwerk?

Eskildsen: Auch im Bereich der nicht künstlerisch intendierten Fotografie gibt es sehr beachtenswerte Leistungen. Und wenn die Qualität vorhanden ist, dann wird auch der Respekt vorhanden sein. Aber es ist so, dass wir in der ästhetischen Erziehung nicht mithalten. Wenn Kinder in der Grundschule keinen Kunstunterricht haben, dann ist das sehr bedenklich. Wir, in der fotografischen Abteilung, hatten immer wieder das Problem, das viele Jugendliche, die zu uns kamen, zwar gelernt hatten zu zeichnen, aber nicht gelernt hatten, ein Foto zu lesen. Wie soll das aufgeholt werden? Das ist extrem bedauerlich. Wir haben weiterhin die Bildwelten im öffentlichen Raum, die nicht nur informieren sondern auch verführen.

Es müsste also eine Foto-Pädagogik geben?

Eskildsen: Eine Medienpädagogik. Wie viele Stunden verbringen Jugendliche heute vor dem Internet? Schulklassen, die ins Museum kommen, interessieren sich erstaunlicherweise für die Schwarzweißfotografie. Ist das schon eine Auswirkung auf die vielfarbige und wilde Bildwelt im Internet oder sind sie neugierig, weil sie sich nicht vorstellen können, dass ein Bild nicht farbig ist?

In welcher Weise hat sich unser Verhältnis zum Foto verändert? Was für ein Gefühl hat man bei den alten Fotos im Familienalbum im Vergleich zu Urlaubsfotos, die heute entstehen?

Eskildsen: Im Bereich der Erinnerung hat sich das schon länger entwickelt. Schon mit der Instamatic und der Polaroid wurde nicht nur bei Ereignissen fotografiert, sondern dokumentiert, dass die Alltagswelt und das Langweilige fotografierenswert sind. Das hatte sich auch in der professionellen Fotografie entwickelt. Schauen sie auf die 1920er Jahre, als die Formgestaltung von Gebrauchsgegenständen entdeckt wurde. Plötzlich wird etwas fotografierenswert, was man vorher nicht beachtet hatte. Aber viele Bilder, die für das Erinnern gemacht wurden, werden heute im Museum betrachtet. Es ist wunderbar, dass man diese Bilder an den Wänden sieht. Aber Fotografien in den Museen sind eigentlich auch Abgesandte, und somit nicht mehr alltäglicher Teil unserer Gesellschaft. Und die unüberschaubaren Bildmengen im Internet forcieren das Konsumieren, und von daher wird es sehr schwierig, eine gezielte, intensive Betrachtung zu erreichen.

Das bewegte Bild wird immer präsenter. Stichwort: Kino, Fernsehen, Werbung, Youtube. Was lockt Menschen noch in Fotoausstellungen?

Eskildsen: Ja, das ist eine gute Frage. Oder wer kommt noch? Also, ich glaube, dass es allgemein für Museen schwieriger wird, für die Jugend interessant zu sein. Ich rede immer von der Jugend. Die älteren haben ihre Erfahrungen und wissen, weshalb sie kommen. Kann das Museum ein interessanter Ort sein? Es muss eine Kooperation sein. Von der Schule gut animiert und hier gut aufgenommen. Es gibt genügend Bilder und genügend Themen, um Menschen neugierig zumachen, zu begeistern oder zu beglücken. Das Museum muss an seinen Aufgaben, dem Sammeln und Bewahren festhalten, aber die Vermittlung muss die veränderten Wahrnehmungsgewohnheiten reflektieren.

Haben Sie durch Ausstellungen mit den Becher-Schülern Thomas Ruff und Andreas Gursky den Fotostandort NRW mitentwickelt?

Eskildsen: Dass Essen in NRW ein Standort geworden ist, hat nicht nur mit mir zu tun, sondern greift weiter vor. Man muss immer bedenken, dass ab 1959 im Museum Folkwang jährlich schon eine Fotoausstellung gezeigt wurde. Das war die Zeit Otto Steinerts. Als ich 1978 herkam und gefragt wurde, die Abteilung zu bilden, konnte man schon von einem Publikum sprechen. Hier waren Menschen, die wussten, dass Fotografie einen kulturellen Wert hat, der auch ins Museum gehört. Dann konnten wir unsere Abteilung ausbauen, weil wir großartige Unterstützung bekommen haben. Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die Dietrich Oppenberg Stiftung und die Stiftung Pressehaus NRZ haben immer wieder bei Erwerbungen und Ausstellungen geholfen. Auch die Landesregierung. Und wir konnten nicht nur erwerben, wir konnten kontinuierlich ausstellen. Wir waren lange Zeit das einzige Institut in NRW, das jährlich 6 bis 8 Fotoausstellungen zeigte. Im Wechselspiel historische und zeitgenössische Fotografie. Das war mir ganz wichtig. Das hat meine Arbeit ausgemacht. Ich habe sehr vielen jungen Fotografen und Fotografinnen ein Forum gegeben. In den ersten Jahren habe ich ganz dezidiert der deutschen Fotografie Raum gegeben und in der Folgezeit Stipendienprogramme entwickelt.

In der NRW-Kunstszene in Düsseldorf und Köln wird davon gesprochen, dass am Rhein bildende Kunst gemacht wird. Kann man das für die Fotografie auch für NRW behaupten?

Eskildsen: Wenn man vom Markt redet, dann ist es die Becher-Schule, die die höchsten Preise für Fotografie erzielt. Ich glaube, dass Deutschland durch den Föderalismus sehr viele andere interessante Orte entwickelt hat. Man kann vielleicht sagen, dass NRW in der Nachkriegszeit das wichtigste Bundesland für Fotografie war. Das hat mit Fritz Gruber, mit der Kölner Messe, mit Otto Steinert und der Folkwangschule und mit Bernd und Hilla Becher und der Düsseldorfer Akademie zu tun; mit den erfolgreichen Fotografen und Fotokünstlern, aber auch mit den Sammlungen und langjährigen Ausstellungstätigkeiten in NRW. Das ist hier schon eine Konzentration. Aber hier ist nicht der Nabel der Welt.

Die Arbeiten von Andreas Gursky und Thomas Ruff kann sich eine öffentliche Sammlung schwer leisten. Haben Sie die gleichen Ankaufprobleme wie Kunstmuseen, die an Richter, Baselitz und Co. nicht mehr rankommen?

Eskildsen: Natürlich ist das so, dass bestimmte Preise nicht mehr bezahlt werden können. Aber die Künstler sind schon noch interessiert, in unser Museum zu kommen. Der Gursky-Raum wird bei uns bleiben und es ist heute schwieriger Geld zu finden, aber es gibt interessante zeitgenössische jüngere Fotografie, die man sich leisten kann. Wenn man immer wieder ausschließlich über Preise spricht, dann feuert man die Betrachtung des Mehrwerts an und der Aspekt des Kommerziellen hat unsere Arbeit bereits ausreichend verändert. Fragen der Zukunft richten sich besser aufs Inhaltliche und dafür ist momentan bei klammen öffentlichen Kassen eine gute Chance.

Quelle: wa.de

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