Interview mit Countertenor Philippe Jaroussky

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Barockspezialist Philippe Jaroussky tritt in Duisburg und Dortmund auf. ▪

Der französische Countertenor Philippe Jaroussky ist ein Star der barocken Musik, einer, der sich der Musik der Kastraten widmet. Mit 32 Jahren ist er einer der bekanntesten Sänger seines Fachs. Edda Breski sprach mit ihm über den Unterschied zwischen Sängerinnen und Sängern, die Suche nach Opern und seine Pläne.

Barock boomt. Musik aus dieser Ära stürmt die Klassikcharts, die Konzertsäle sind voll. Woran liegt das?

Jaroussky: Ja, Barock ist sehr beliebt. Sogar Sänger, die eigentlich keine Barocksänger sind, nehmen jetzt Barock-CDs auf. Ich denke, es ist unfair, dass diese Musik so lange ein Schattendasein geführt hat. Die Leute kannten sie einfach nicht. Jetzt mögen sie sie, weil sie sie endlich hören können. Zweitens denke ich, dass Barockmusik die Basis der klassischen und romantischen Musik ist. Es ist wichtig, diese Basis zu kennen. Hinzu kommt, dass die Geschichte der Kastraten fasziniert. Sie hat etwas Sensationelles. Denken Sie an zeitgenössische Karikaturen, in denen Kastraten viel größer gezeichnet sind als normale Menschen. Das waren Superhelden, sie wurden verehrt. Das fesselt die Zuhörer heute noch. Das ist ja auch etwas, wovon wir Countertenöre leben.

Was können Sie, was die Kastraten nicht konnten? Oder andersherum: Was konnten Kastraten, das Sie nicht können?

Jaroussky: Ich glaube, vor allem der zweite Teil dieser Frage trifft zu. Wir können ganz vieles nicht, was die Kastraten beherrschten. Die Kastraten waren menschliche Paradoxa. Durch die Beschneidung wurde die hormonelle Balance verändert, so dass sie die Stimme eines Kindes behielten und gleichzeitig sehr wuchsen. Kastraten hatten riesige Brustkörbe bei einer kleinen stimmlichen Spanne. Sie konnten ganz andere Schwierigkeiten bewältigen. Für Countertenöre sind ihre Partien eine enorme Herausforderung. Deswegen brauchen wir Frauen, die Kastratenrepertoire singen.

Cecilia Bartoli hat mit „Sacrificium“ Kastratenarien vorgelegt, in Deutschland ist Simone Kermes sehr erfolgreich. Was ist der Unterschied zwischen Frauen und Countertenören?

Jaroussky: Frauen haben natürlich einen anderen Stimmumfang und einen anderen Umgang mit der Stimme als wir. Sie haben auch oft mehr Kraft, ihre Möglichkeiten liegen zum Teil näher an denen der Kastraten. Die meisten singen, wie Cecilia Bartoli oder Simone, diese Partien mit unglaublich viel Dramatik. Aber ich glaube, was wir Countertenöre geben können, ist unser spezieller Ton. Wir haben eine Stimmfarbe, die sehr kindlich und süß klingt. Diese Reinheit, Delikatesse und Fragilität gibt dem Repertoire sehr viel und erweckt einen Teil der Fähigkeiten der Kastraten wieder zum Leben. Wir haben noch wenige Aufnahmen des letzten Kastraten Anfang des 20. Jahrhunderts. Wir können daher ungefähr sagen, wie sie geklungen haben.

Ihre Gesangslehrerin hat Sie üben lassen, als seien Sie eine Frau...

Jaroussky: Stimmt, ich habe Unterricht bei einer Frau. Sie nutzt die gleichen Übungen wie für eine Sängerin. Sie sagt, das macht keinen Unterschied, weil wir uns in der gleichen Stimmlage bewegen. Wir müssen am Ende ja auch die gleichen Schwierigkeiten einer Partitur bewältigen. Vor allem hat sie mir beigebracht, dass ich meine Stimme natürlich erhalte. Sie sagte: Mach deine Stimme nicht größer, als sie ist. In der Oper singe ich mit meiner hohen Stimme Männerpartien und bin ein Mann, in meinen Kostümen, in meinem Auftreten. Aber da gibt es den Unterschied zwischen meiner physischen Erscheinung und meiner weiblich klingenden Stimme. Das ist ein besonderer Reiz.

Sie gelten als jemand, der viel in Archiven recherchiert. Was hoffen Sie zu finden?

Jaroussky: Es liegen tausende Partituren in den Archiven, da gibt es so viel zu finden. Es ist ein tolles Gefühl, dass ich manchmal der erste seit 200 Jahren bin, der eine Partitur durchblättert. In den Archiven in ganz Europa, zum Beispiel in Italien, liegen nicht nur vergessene Arien, da liegen ganze Opern. Ich bin natürlich kein Produzent, ich kann ein bestimmtes Material immer nur anbieten. Aber vielleicht werde ich in der Zukunft selbst eine Oper produzieren. Es gibt so unendlich viel zu entdecken.

Ich kann nicht das gesamte Kastratenrepertoire singen, einiges liegt zu hoch, anderes zu tief. Ich bin also dazu übergegangen, mir mein eigenes Repertoire zusammenzusuchen. Das geht oft, indem ich nachschaue, was für einen bestimmten Kastraten geschrieben wurde, der meinen Stimmumfang hatte. So kann ich Sänger entdecken und dem Publikum vorstellen, die längst vergessen sind. So war es bei meinem Carestrini-Album. Giovanni Carestrini war unter Barockspezialisten sehr bekannt. Das breite Publikum kannte ihn nicht. Heute weiß man, dass er der große Rivale von Farinelli war. Darauf bin ich stolz.

Auf Ihre Leistung?

Jaroussky: Nicht unbedingt, es ist so, dass man eine CD nach ein paar Monaten hört und sie am liebsten neu und anders machen würde. Aber darauf, dass ich dazu beigetragen habe, Carestrini wieder bekannt zu machen – ja.

Sie singen auch Musik des französischen Fin de siècle, also Reynaldo Hahn, Chausson, Fauré. Was hat ein Counter dieser Musik zu geben?

Jaroussky: Ich singe seit zwölf Jahren auf Italienisch. Es war mein Wunsch, in meiner eigenen Sprache zu singen, denn ich bin ja ein französischer Sänger. Im französischen Barock gibt es allerdings kein Repertoire für mich. Außerdem sehnte ich mich nach dem intimeren Erlebnis, zu zweit, nur mit einem Pianisten zu arbeiten, tiefer in Details zu gehen. Die Lieder, von denen Sie sprechen, sind die hohe Schule der Selbstkontrolle. Die Textatmosphäre, die Melancholie – das passt zu meiner Stimmfarbe. In Frankreich waren viele Leute geschockt, dass ich sowas singe. In Deutschland wurde das etwas besser akzeptiert. Man erwartet eben etwas anderes von Countertenören.

Sie haben als Bariton angefangen...

Jaroussky: Ja, meine natürliche Stimme ist ein Bariton. Der ist aber nicht sehr schön. Ab und zu setze ich meine Baritonstimme in Konzerten ein, als Überraschungseffekt oder als Witz.

Würden Sie gerne mehr Modernes singen?

Jaroussky: Absolut. Ich habe einige Projekte derzeit. Die Komponistin Suzanne Giraud hat für mich eine Oper über den Maler Caravaggio geschrieben, die 2012 in Paris Premiere haben wird. Caravaggio war eine sehr düstere Persönlichkeit, es wird für mich eine Herausforderung, das darzustellen. Außerdem handelt es sich um sehr moderne Musik. Ich mache auch einiges mit dem Quatuor Ebène und der Harfenistin Christina Pluhar. Mit ihr mache ich jazzige Sachen. Ich mag Überraschungen auf der Bühne, man muss nicht immer ernst sein. Natürlich darf man nicht demagogisch werden, ich mache immer noch klassische Musik, aber ein wenig Humor tut den Leuten gut nach zwei Stunden ernster Musik.

Was planen Sie für die Zeit, wenn Sie das Kastratenrepertoire einmal nicht mehr singen können?

Jaroussky: Ich möchte gerne dirigieren, ich habe meine eigene Gruppe (das „Ensemble Artaserse“, Anm. der Red.). Im Dezember gebe ich ein Konzert mit meinem Counterkollegen Andreas Scholl, ich singe mit der spanischen Sopranistin Nuria Rial und anderen. Ich möchte gerne mehr mit zwei Sängern machen, denn zu zweit auf der Bühne entsteht ein Dialog. Es ist, wenn man so will, weniger narzisstisch.

Philippe Jaroussky in der Region: 8. und 9.10., Landschaftspark Duisburg, Barock-Jazz-Projekt mit dem Ensemble L‘Arpeggiata, Tel. 0201/887 20 24, http://www.ruhrtriennale.de, (ausverkauft); 18.11., Konzerthaus Dortmund, Metastasio-Programm, Tel. 02 31/22 696 200, http://www.konzerthaus -dortmund.de

Quelle: wa.de

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