Das Internationale Jazzfestival Münster bietet viele Stimmen

Gesang mit Blattgold: Queen Mu beim Jazzfestival Münster. Foto: Stiftel

Münster – Treibende Trommelgrooves, die beiden Bassisten geben Funk und Swing dazu, die Bläser heizen die Stimmung an. Ganz großes Kino im Großen Haus in Münster, als dann aus dem Bühnenboden sie auffährt, Queen Mu, die Herrscherin eines versunkenen Kontinents. Sie ist gehüllt in ein goldenes Cape, mit dem sie Ausdruckstanzschritte vollführt, ein glänzender Schmetterling. Und am Mikrophon dreht sie auf, gleich der erste Ton füllt den Saal bis in den letzten Winkel. Mal erzeugt die Sängerin Klangeffekte, heult wie eine Sirene, flüstert, haucht, schnattert. Dann wieder hebt sie die Stimme zu einer Soulpredigt.

Für den Abschluss des Internationalen Jazzfestivals gönnt sich der künstlerische Leiter Fritz Schmücker immer einen Kracher. Diesmal das österreichische Orchester „Shake Stew“ um den Bassisten Lukas Kranzelbinder, der zwei „Stargäste“ mitbrachte. Kranzelbinder und seine Mitstreiter musizieren nicht einfach, sie ergänzen ihren Auftritt um eine eigene Erzählung, schlüpfen in Bühnen-Imagos wie einst Sun Ra oder später die Blues Brothers. Das Ergebnis ist ein Gesamtkunstwerk, überwiegend groovende und funkige Musik mit dem Gitarristen Tobias Hoffmann (Träger des WDR-Jazzpreises), der im goldenen Glitzeranzug als „Golden Twaeng“ den fetten Bläser-und Percussionsound um Surf- und Bluestöne erweitert. Und eben die schrille Performance der großartigen Vokalistin Angela Maria Reisinger in der Rolle der Queen Mu mit Blattgold-Make-Up.

Es war das 27. Festival, aber zugleich feierte man 40. Geburtstag, denn die Premiere war 1979 im Schlossgarten. Seit 1997 spielt die Musik alle zwei Jahre im Stadttheater. Und obwohl Schmücker stets viele Unbekannte auf die Bühne bringt, ist das Haus zuverlässig Wochen im Voraus ausverkauft. Das Erfolgsrezept ist der permanente Wechsel der Stimmungen und Klangfarben. Wie ein DJ mischt Schmücker die Abende, um einen Querschnitt aktueller, überwiegend europäischer Spielweisen des aktuellen Jazz zu geben.

Dabei sorgt er auch dafür, dass das Publikum nicht überfordert wird. Eine gewisse Grundsüffigkeit prägt das Programm. So steuerte auch diesmal zum Beispiel das Trio des Pianisten Grégory Privat aus Martinique gut temperierte swingende Nummern bei. Privat sang immer mal wieder textlose Zeilen im Falsett, spielte einige Soli am Synthesizer und kam natürlich gut an. Das Quartett des US-Cellisten Erik Friedlander, u.a. mit dem Pianisten Uri Caine, spielte gepflegten, ein wenig professoralen Jazz der Post-Free-Ära. Auch Erik Truffaz erwies sich im Duo mit dem polnischen Pianisten Krzysztof Kobylinski als romantischer Melodiker. Anders als auf seinen oft überladenen, sich an aktuelle Pop-Trends anbiedernden Alben konzentrierte sich der französische Trompeter hier auf sein Instrument. Das hörte sich zuweilen etwas süßlich nach Filmmusik-Thema an, erreichte aber doch mit Herzenswärme und Spielfreude das Publikum.

Aber es gibt immer Auftritte, die mit besonderer Energie gefangen nehmen. Die 32-jährige estnische Sängerin Kadri Voorand zieht alle Register der Stimmkunst, vervielfacht ihre Stimme über eingesungene Loops, fiept, keucht rhythmisch, scattet brillant, spielt dazu Piano, aber auch Geige und Kalimba. Sie sagt die Lieder, die sie mit dem Bassisten Mihkel Mälgand vorträgt, nicht an, sondern improvisiert erste Zeilen als Inhaltsangabe: „Jetzt singe ich vom Mädchen, dem Fischermann und das Meer“, oder nimmt sich im tiefsten Blueston vor: „Ich muss aufhören, Schokolade zu essen...“ Ein Pop-Hit wie Michael Jacksons „They Don’t Care About Us“ gerät ihr zur aufregenden musikalischen Querfeldein-Expedition.

Der französische Saxophonist Sylvain Rifflet widmet sich mit seiner Band Perpetual Motion dem Schaffen von Louis Thomas Hardin alias Moondog. Der US-Musiker, mittlerweile verehrt von vielen berühmten Kollegen, lebte mehr als 20 Jahre lang bis zu seinem Tod 1999 in Deutschland. Sein Grab ist in Münster. Rifflets spielte für seine Hommage Aufnahmen von musizierenden Bettlern ein – Moondog spielte lange auf der Straße. Aber das Programm überzeugte vor allem, weil es nicht museal am Ausgangsmaterial klebt, sondern es weiterentwickelt. Anders als bei Moondog, der in späten Jahren auf der Bühne saß, die Trommel schlug und streng darauf achtete, dass die Musiker Takt und Harmonie einhielten, gab es bei Rifflet viel Improvisation über einer am Rock orientierten Rhythmik. Was nicht ausschloss, dass zum Beispiel ein Duo Rifflets mit dem Pianisten Rembrandt Frerichs von herzergreifender Innigkeit war.

Und im bunten Strauß ist auch Platz für das Radikale wie den furiosen Auftritt des Saxophonisten Manuel Hermia, des Cellisten Valentin Ceccaldi und des Schlagzeugers Sylvain Darrifourq. Der Drummer nutzte sein Instrument mit ungewöhnlichen Techniken, rieb zum Beispiel die Felle, ließ Wecker darauf klingeln, nutzte allerlei Resonanzen. Er imaginierte mit Klacken und Pochen eine Maschine, ach was: eine ganze Fabrik, Ceccaldi ließ das Cello dazu dumpf pochen, Hermia blies wilde Improvisationen darüber. Das hatte in leisen Momenten eine leichte, flirrende Poesie. Dann wieder steigerte sich das Trio in stampfende, krachende Rhythmen, die leicht mit Rock mithalten können – Free Jazz für Headbanger. Und auch das Publikum ließ sich begeistert auf diese kraftvolle, sehr entdeckungsfreudige Musik ein.

Ein wenig mehr von diesem Kaliber hätte das Festival durchaus vertragen. Doch am Ende gab es qualitativ keinen Ausfall bei fast 20 Konzerten. Die Musiker sind allemal begeistert von der offenen Stimmung im Stadttheater, was sie dann zu engagierten bis inspirierten Auftritten anregt.

www.jazzfestival-muenster. de

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Der WDR als Partner des Festivals überträgt ausgewählte Auftritte auf WDR3, u.a. am 11., 18. und 25. Januar

Quelle: wa.de

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