Intendant Decker widmet Ruhrtriennale dem Buddhismus

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Tadashi Tajima spielt die Shakuhachi bei der Ruhrtriennala. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Mit Schöpfung und Zerstörung endet die Intendanz von Willy Decker bei der Ruhrtriennale. Mönche aus Bhutan werden in der Jahrhunderthalle in Bochum ein Sandmandala streuen, ein großes Bodenbild aus gefärbtem Sand, die perfekte Synthese von Spiritualität.

Zum Mandala gehört, dass es nach der Fertigstellung wieder rituell mit einem Diamantzepter zerstört und zusammengekehrt wird. Dazu erklingt an jenem Oktoberabend europäische Vokalmusik. Kunst, sinnierte Decker gestern in der Jahrhunderthalle bei der Vorstellung seiner letzten Spielzeit, sei zum „Tantra des Westens“ geworden, trete in die Rolle der Religion. Er beschließt seine Zeit mit einer buddhistischen Messe.

Nach dem Judentum und dem Islam prägt diesmal die fernöstliche Weltreligion die Ruhrtriennale. Sie liegt Decker vielleicht am meisten am Herzen, ist er doch Buddhist. Bei der Vorstellung philosophiert er immer wieder über das Nichts und die Leere, die für ihn im Zentrum des Buddhismus stehen. „Nur wo Leere ist, kann Neues entstehen“, zitiert Decker den indischen Denkers Krishnamurti. Und er korrigiert westliche Irrtümer und Missdeutungen. So soll das Festival sein, alles, nur kein Räucherstäbchen-Theater.

Dafür krempelt der 60-Jährige das Festival um. Mit 34 Produktionen in mehr als 130 Vorstellungen scheint es zunächst den Vorgängern zu entsprechen. Tatsächlich wurde radikal geändert. Es gibt keine „Kreationen“ mehr, jene besonderen Spielformen zwischen den Genres, die unter Gerard Mortier und Jürgen Flimm zu Markenzeichen des Festivals wurden. Überhaupt sind nur noch neun szenische Produktionen geplant. Dafür wurde der Anteil reiner Konzerte gesteigert. Die Reihe „A Century Of Song“ allerdings ist gestrichen. Stattdessen sind nun mehrere Programme um das Werk von John Cage angesetzt, und das japanische Ensemble Shishiseikai stellt an einem Abend die Mönchsgesänge des Shomyo vor. Außerdem spielt Toshimitsu Ishikawa auf der Bambusflöte Shakuhachi. Kompromisslos zieht Decker seine Linie zwischen Spiritualität und Kunst. Die Ruhrtriennale 2011 verspricht ein buddhistisches Exerzitium.

Selbst die Eröffnungsproduktion folgt diesem Muster. Decker inszeniert in der Jahrhunderthalle „Tristan und Isolde“, nach seinen Worten Richard Wagners revolutionärstes Werk. Alles kreise hier um Auflösung und – natürlich – Leere. Wagner selbst habe über die Nähe seines Werks zum Buddhismus geschrieben. Es dirigiert Kirill Petrenko, designierter Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper und Dirigent des neuen „Rings“ bei den Bayreuther Festspielen ab 2013.

Auch bei der Vorstellung der Schauspielproduktionen lässt Decker den Begriff nicht aus. Eine Inszenierung entfällt: Regisseur Luc Bondy ist erkrankt. So kommt als Gastspiel Bondys Deutung von Ionescos Schauspiel „Die Stühle“. André Jung spielt Becketts „Das letzte Band“. Und auch wenn der belgische Theatermacher Luc Perceval Shakespeares „Macbeth“ inszeniert, sieht Decker darin vor allem eine Tragödie der Nichtigkeit, des Nichts, der Leere eben.

Im letzten Jahr landete der Berliner Regisseur Nurkan Erpulat mit dem Stück „Verrücktes Blut“ einen großen Erfolg – die Produktion wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Diesmal erarbeitet Erpulat eine neue Bühnenversion von Franz Kafkas Roman „Das Schloss“.

Drei Tanzproduktionen werden vorgestellt, die spektakulärste ist gewiss die Arbeit „Now This When Not That“ des amerikanischen Choreografen William Forsythe, der ebenfalls schon 2010 mit „The Defenders“ bei der Triennale Furore machte. Radikal ist das Musikprogramm. Bis auf eine Ausnahme kommt Pop nicht mehr vor. Die Ausnahme freilich hat es in sich: John Cale, Mitgründer der legendären Gruppe Velvet Underground, rekonstruiert sein 1973 erschienenes Soloalbum „Paris 1919“ und spielt im Essener Kino „Lichtburg“ mit den Bochumer Symphonikern.

Es ist ja nicht so, dass Decker keine Stars aufböte. Die Lautenistin Christina Pluhar, die 2010 mit dem Countertenor Philippe Jaroussky in Duisburg begeisterte, bietet diesmal Crossover in der Jahrhunderthalle mit der portugiesischen Fado-Sängerin Misia. Und das Hilliard Ensemble, jenes britische Meisterquartett, das sich zum Beispiel mit dem Saxophonisten Jan Garbarek auch in die Herzen der Jazzfans sang, tritt gleich zwei Mal auf. Daneben stehen dann Avantgarde-Abende mit dem Ensemble Zeitkratzer und dem japanischen Noise-Gitarristen Keiji Haino und eine Auftragskomposition von Robert Moran, die im Gasometer Oberhausen aufgeführt wird: „Buddha Goes to Bayreuth“.

Schon das Vorjahresprogramm der Triennale im Zeichen des Islam war kein Feuerwerk der guten Laune. Doch die kommende Festival-Ausgabe ist in ihrer Strenge fast publikumsfeindlich. Die Produktionen versprechen durchaus Qualität. Viele sind jedoch so speziell, dass sie Leere in ungewollter Weise erwarten lassen. Willy Decker ist Überzeugungstäter, das ist sympathisch. Aber er hinterlässt seinem Nachfolger Heiner Goebbels kein leichtes Erbe.

34 Produktionen mit mehr als 130 Vorstellungen bietet die dritte Ruhrtriennale unter Intendant Willy Decker vom 26.8. bis 9.10.. Hier einige der wichtigsten Produktionen:

▪ Tristan und Isolde, Jahrhunderthalle Bochum, 27., 31.8., 3., 9., 13., 17., 20.9.

▪ Les Chaises – Die Stühle, Landschaftspark Duisburg-Nord, 31.8., 1., 2., 3.9.

▪ Konzerte mit Francesco Tristano, Jahrhunderthalle, 1., 2.9.

▪ Brilliant Corners, Tanz von E. Gat, Pact Zollverein Essen, 8.–10.9.

▪ Macbeth, Maschinenhalle Zweckel, Gladbeck, 2., 3., 4., 8., 9., 10., 16., 17.9.

▪ Salto! Christina Pluhar und Misia, Jahrhunderthalle, 10.9.

▪ Hilliard Ensemble, Jahrhunderthalle, 15., 16.9.

▪ Das letzte Band, Zeche Carl, Essen, 17., 18.9.

▪ Das Schloss, Jahrhunderthalle, 23., 24., 25., 27., 28., 29., 30.9.

▪ Hanjo, Oper nach einem Nô-Spiel, Landschaftspark Duisburg-Nord, 29.9., 1., 3., 5., 7., 8.10.

▪ Buddha Goes to Bayreuth, Gasometer Oberhausen, 1., 2.10.

▪ Now This When Not That, W. Forsythe, Jahrhunderthalle, 5.–9.10.

▪ John Cale: Paris 1919, Lichtburg Essen, 6.10.

Tel. 0700/2002 3456, http://www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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