Insektenskulpturen des belgischen Künstlers Jan Fabre in Recklinghausen

Ein flotter Käfer, nicht aus Wolfsburg, sondern aus dem Antwerpener Atelier des Künstlers Jan Fabre. Die Arbeit aus der Serie der Fantasie-Insekten-Skulpturen ist in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen. - Fotos: Kunsthalle

Von Ralf Stiftel

Recklinghausen - An dem Käfer sind wirklich Räder dran. Wie bei einem Spielzeugauto. In den Schaukästen in der Kunsthalle Recklinghausen sieht man seltsame Mutationen, verfremdete, umgebaute Insekten und Spinnen. Ein Spielkind scheint sich ausgetobt zu haben.

Ein Käfer trägt Rasierklingen als Flügel, eine Spinne schwingt Federn. Eine andere hat eine Gewehrpatrone auf den Schultern und wirkt wie eine Raketenabschussrampe. Und ein Rasierpinsel hat als Griff den Kopf eines Nashornkäfers.

Geschaffen hat die kleinformatigen Skulpturen Jan Fabre. Der belgische Künstler, 1958 in Antwerpen geboren, hat auf vielen Feldern gearbeitet, als Autor, Theatermacher, Choreograf. Und immer provozieren seine Inszenierungen. Vor einigen Monaten erst regten sich Tierschützer über eine Aktion im Antwerpener Rathaus auf, bei der Fabre Katzen in die Luft werfen ließ. Von Insekten ist er geradezu besessen, viele seiner künstlerischen Arbeiten haben eine Oberfläche aus tausenden grüngolden schillernden Käferkörpern.

Die Ausstellung „Insektenzeichnungen & Insektenskulpturen“ in Recklinghausen gehört zum Programm der Ruhrfestspiele. Sie konzentriert sich auf das Frühwerk, das Fabre zwischen 1975 und 1979 schuf. Anfangs lebte er einige Zeit in einem Ein-Mann-Zelt im Garten seines Elternhauses, im „Neuslaboratorium“ (Nasenlabor). Er erforschte dort Insekten und zeichnete sie. Das Zelt ist in der Kunsthalle aufgebaut, den Betrachter überkommt davor leicht ein Pfadfindergefühl.

Mag sein, dass Fabre familiär vorbelastet war, sein Vater, ein Biologe, arbeitete als städtischer Gärtner in Antwerpen. Die mehr als 160 Arbeiten, vor allem Zeichnungen, gehen jedenfalls weit über reine Naturbeobachtung hinaus. Fabre skizziert darin sozusagen Kunstaktionen für Krabbeltiere. In der Serie „Feast of little friends“ (1977– 1979, Gelage der kleinen Freunde), einer Serie von Aquarellen, zeigt ein Blatt einen Quader mit regenbogenartigen Farberuptionen, in einer Notiz erklärt als Zuckerstückchen mit LSD, in dem sich Maden tummeln. Andere Blätter kommen als Übermalungen daher, so wie Schüler zuweilen im Lehrbuch herumkritzeln. Fabre zeichnet Spinnen an Fallschirmen, lässt Läuse an den Ringen und am Medizinball trainieren. Eine Bildserie zeigt die Ameisen von Binche – Fabre zeichnet ihnen unter anderem ein Hütchen für den Karneval (für den Binche berühmt ist). Schade, dass von den flämischen Notizen keine Übersetzungen angeboten werden.

In den Arbeiten steckt jedenfalls eine gehörige Portion Identifikation. „Ich möchte ein Pillendreher sein“, schreibt Fabre in seinem „Nachtbuch“, weil der Käfer so perfekt modellieren kann. Dann wieder fantasiert der Künstler, eine Spinne zu sein, die kopfüber an der Decke läuft.

Und so zeichnet er eine Spinne als Skizze für eine Spinnenskulptur, wie er in der Notiz erläutert: Eigentlich soll diese Wolfspinne aus vielen wirklichen Spinnenköpfen zusammengesetzt werden. Und wenn einige Zeichnungen an surreale Cartoons erinnern, entfalten seine dicht mit Kugelschreiber schraffierten Blätter, auf denen man langbeinige Spinnen findet, düster-romantische Spannung.

Die Ausstellung gipfelt in einer weiteren großen Installation, dem „Spinnenkoppentheater“ (1979, Spinnenkopftheater). Auf diesem dreieinhalb Meter langen Tisch sollen sich eigentlich echte Vogelspinnen tummeln. Nach Protesten begnügt sich Fabre mit Präparaten aus leeren Häuten. In diesem Theater sind Lebensräume nachgebaut, vom Politbüro, dessen Wände Marx, Lenin, aber auch süßliche Madonnen zieren, über einen Raum für Sado-Maso-Sex bis zu einem Spielplatz und einer Disco, die mit leicht verfremdeten Hits der späten 1970er beschallt wird. In einem Feld aus Rasierklingen halten zwei Spinnen ein Polit-Transparent hoch: „Vive la Sociale!“ Da rückt die Welt der kleinen Krabbler immer näher an die Wirklichkeit der großen Zweibeiner heran. Und man denkt sich: Spinnen sind auch nur Menschen.

Jan Fabre: Insektenzeichnungen & Insektenskulpturen in der Kunsthalle Recklinghausen. Bis 23.6., di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02361/ 501 935, www. kunst-in-recklinghausen.de

Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 20 Euro

Quelle: wa.de

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