„Ins Freie“: Joshua Ferris‘ Roman einer Krankheit

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Erzählt von einem, der läuft: Joshua Ferris. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Die Krankheit, die Joshua Ferris im Roman „Ins Freie“ beschreibt, wirkt erschreckend. Der Held, Tim Farnworth, erfolgreicher Anwalt in Manhattan, glücklich verheiratet, mit einer netten Tochter, geht eines Abends vor die Tür, die Mülltonnen rausstellen.

Plötzlich „wandelte“ er. „Wandelte barfuß vorbei an den Nachbarhäusern bis hinunter zur Route 22, ließ den Supermarkt links liegen, ebenso wie den gespenstisch illuminierten Parkplatz und die Kirche der koreanischen Baptistengemeinde und die Shoppingmall mit der alles beherrschenden Saks-Filiale und verfolgte die wenigen nächtlichen Autofahrer bis in ihre Träume. Eine verwirrte Person, bekleidet mit einem weißen Bademantel, die zu Fuß auf dem Seitenstreifen unterwegs war und sich und andere gefährdete. Aber das sah er nicht, er sah nur seine Füße, sah sie wie im Film, von oben, Füße beim Gehen, fixierte sie wie mit einer starren, subjektiven Kamera. Nach einem Rundweg von fünf, sechs Meilen gelangte er in den Wald, wo der Vierzehnstundentag seinen Tribut forderte und er vor Müdigkeit umfiel.“

Es ist eine Heimsuchung für Tim Farnworth. Plötzlich, wie bei einem epileptischen Anfall, überkommt ihn der unwiderstehliche Drang, loszulaufen, immer weiter, bis er vor Erschöpfung umfällt. Die Krankheit hat sich der Autor ausgedacht. Schon wie er den nutzlosen Weg seines Helden durch medizinische Einrichtungen beschreibt, die Suche nach Hilfe, das fesselt. Ebenso wie die Versuche, mit der Krankheit klarzukommen. Seine Frau fesselt ihn zeitweilig ans Bett. Sie versuchen, mit warmer Kleidung, Notfallrucksack, Handy und GPS-Gerät die Folgen zu lindern. Denn Farnworth kann nicht anhalten, nicht einmal, um sein Blackberry aufzuheben, das ihm aus der Hand gefallen ist. Die Krankheit zerstört den Anwalt. Es ist kalt in dem Buch, immer wieder läuft der Held hinaus in schlechtes Wetter, ihm frieren Finger und Zehen ab, ihn befallen Parasiten, er wird überfallen.

Die Krankheit, der „benigne idiopathische Ambulismus“, wie sie einmal genannt wird, benutzt Ferris als Metapher. Farnworths Existenz bildet ein Stück des amerikanischen Traums ab, der modernen Leistungsgesellschaft. In seiner Kanzlei müssen alle funktionieren. Als die Krankheit kommt, funktioniert er nicht mehr. Er vermasselt einen Mordprozess durch seine Anfälle. Seine Ehe zerbricht. Vielleicht, denkt man beim Lesen, liegt es ja am Zwang, stets zu gewinnen, stets oben zu sein. Aber dieser einfachen Deutung verweigert sich Ferris. Eine Auflösung bietet er nicht.

Aber er kontrastiert das Leben der oberen Mittelschicht mit denen, die es nicht so gut getroffen haben. Der nette Pförtner Frank zum Beispiel, der Farnworth seine Mütze leiht. Obdachlose. Patienten in Notfallambulanzen. Aus der schicken Kanzlei mit Blick auf den Central Park kommt Farnworth in die Hinterhöfe der USA, auf die Straßen, in unwirtliche Gegenden. Es gibt heitere Momente in diesem unaufhaltsamen Niedergang, zum Beispiel, wenn der Wanderer von einem Polizisten angehalten und wie ein Obdachloser behandelt wird: „Hier wird nicht geschlafen, Jefe.“ Der Anwalt kontert: „Sagen Ihnen die Rechtsbegriffe Gemeinbrauch und allgemeine Handlungsfreiheit etwas?“

Ferris, 1974 geboren, wurde 2007 berühmt mit „Wir waren unsterblich“, einem satirischen Roman über die moderne Büroarbeitswelt. Für sein zweites Buch wechselte er den Tonfall zum Drama, und ihm gelang die eindringliche Schilderung eines Verfalls bis hin zur kathartischen Auflösung. Ein paar Etappen dieser Laufgeschichte hätte er straffen können. Gleichwohl überzeugt sein Werk.

Joshua Ferris: Ins Freie. Deutsch von Marcus Ingendaay. Luchterhand Verlag, München. 339 S., 19,95 Euro

Quelle: wa.de

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