Ingo Schulzes Roman „Die rechtschaffenen Mörder“

Er liebt die Bücher: Der Autor Ingo Schulze. Foto: dpa

Diesem Ingo Schulze darf man nicht glauben. „Die Dichter müssen lügen“, lautet ein Lieblingsspruch des Protagonisten im Roman „Die rechtschaffenen Mörder“. Und dieses Buch ist auch so gebaut, dass es vor allem Fragen aufwirft, die dann unbeantwortet bleiben.

Es beginnt im Märchen-, im Legendenton, als habe der Verfasser seine Sprache aus dem 19. Jahrhundert ins Heute gerettet: „Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss.“ So bieder, so harmlos hebt Schulze an, den geradlinigen Lebensweg eines Außenseiters abzuschreiten. Norbert Paulini heißt der Literaturmensch, der nicht Buchhändler sein mag, sondern sich ausdrücklich als Antiquar bezeichnet wissen möchte. Da ist die Abwendung von der Gegenwart schon im Begriff erfasst.

Paulini, dem hier gehuldigt wird, wird 1953 geboren, wächst in der DDR auf. Die Diktatur wirft nur gelegentlich Schatten auf das Idyll, das hier ausgemalt wird. Paulini will einfach nur Leser werden. Seine ideale Frau ist die, „die mich lesen lässt“. Unbehelligt wandelt dieser reine Tor durch Schule, Volksarmee, Ausbildungen, bis er in einer Villa im gutbürgerlichen Viertel sein kleines Leseparadies errichtet, unterstützt von der Frau Kate, die Züge einer guten Hexe trägt und Norbert einmal alles vererben will. Er schart Gleichgesinnte um sich. Er heiratet sogar, eine muntere, etwas geschwätzige Friseuse. Sie haben einen Sohn.

Aber mit der Wende 1989 zerbricht das kleine Glück. Paulini erleidet „die natürliche Verachtung des Westens gegenüber dem Osten“ mit allen Konsequenzen. Der Büchermensch verliert sein Heim an Altbesitzer, arrogante Neukunden versuchen ihn mit ihren D-Mark-Scheinen zu korrumpieren, der Kredit bei der Sparkasse endet, dafür landen all die Bücher erst vor der Tür, dann auf wilden Müllkippen. Seine Frau entpuppt sich als Stasi-Spitzel. Und vor allem: Die Stammkunden bleiben aus. Paulini, heißt es, radikalisiert sich. Erst will er nur noch deutschsprachige Literatur lesen, „um sich sein Sprachgefühl rein zu bewahren“. Immer befremdlicher werden seine Gedanken. Er will „Fahnenträger“ für das „Volk“ werden. Aber er bleibt der Büchermensch, den Büchern treu, sich treu. Bis unvermittelt zwei Polizisten bei ihm auftauchen und fragen, wo sein Sohn und er am 20. April, also an Hitlers Geburtstag, gewesen sind. Womöglich bei einer Schlägerei mit Ausländern?

Aber hier bricht der Text ab, mitten im Satz. Jetzt wechselt die Perspektive. Was wir bislang gelesen haben, war nur Fiktion, die Erzählung eines Schriftstellers namens Schultze mit tz. Der hat sich zwischendurch immer mal wieder im Text gezeigt. Aber nun lernt der Leser Paulini neu kennen, in einer deutlich weniger idyllischen Version, die ein Eifersuchtsdrama einschließt, in das Schultze verstrickt ist. Hier werden die Signale schon deutlicher, wenn zum Beispiel Paulini von „Kanaken“ spricht. Aber noch immer bleibt unklar, worin die Radikalisierung des Antiquars besteht. Ist etwas dran an Drohungen wie: „Was die Ajatollahs können, können wir schon lange.“

Das Raffinierte an Schulzes Roman ist, dass er das scheinbar Einfache so sehr verwirrt, dass der Leser gar nicht merkt, was ihm untergeschoben wird. Das beginnt mit dem Titel: Wer sind denn „die“ Mörder? Welcher Mord wurde begangen? Es gibt Tote. Paulini und Lisa, die auch von Schultze umworben wurde, liegen schließlich am Fuß eines Abhangs in der Sächsischen Schweiz. Aber was geschah, erfährt der Leser nicht. Stattdessen lenkt im dritten Abschnitt eine weitere Erzählstimme, Schultzes Lektorin, den Verdacht auf den bisherigen Erzähler.

Damit verliert der Leser endgültig den Boden unter den Füßen. Viele dachten, der vielfach ausgezeichnete Autor hätte eine Art Schlüsselroman geschrieben. Spielt er mit dem Antiquariat Paulini auf die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen an, die im Kulturhaus Loschwitz der Neuen Rechten ein Forum gibt? Schulze bestreitet das.

Wahrscheinlicher ist, dass sein Roman gerade gegen die Indienstnahme der Literatur durch schlichte Vereinnahmungen gerichtet ist. Paulini sagt einmal, „dass Literatur Eindeutigkeiten nicht mag“. Wenn man diesem Buch etwas glauben darf, dann vielleicht diesen Satz.

Natürlich handelt Ingo Schulzes Roman von Zeit und Wirklichkeit, von einer Vereinigung, die als Okkupation erlebt wurde, von Verunsicherung, die zu Hass führt. Aber vor allem besteht der Text darauf, dass die Literatur anders spricht als die Plakate, die verunsicherte brave Bürger vor sich hertragen. Wie Schulze hier alle Gewissheit auflöst in Möglichkeitsformen, wie er die Frage über die Behauptung stellt, das macht sein Buch zum großen Leseerlebnis. Es ist eine Feier der Skepsis.

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder. S. Fischer Verlag, Frankfurt. 320 S., 21 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare