Der Impressionist Alfred Sisley im Von-der-Heydt-Museum

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Schenkt uns den Sommer zurück: Alfred Sisleys Bild „An den Ufern des Loing“, zu sehen in Wuppertal. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ WUPPERTAL–Ruhig fließt das Wasser des Loing dahin. Ein Stück vor dem Betrachter sind einige Spaziergänger zu erkennen, und ganz im Hintergrund eine Brücke und Häuser. Fern ist die Welt beim Blick auf dieses Gemälde, man darf sich darin allein fühlen mit den rauschenden Birkenblättern und den majestätischen Wolken. Alfred Sisley schuf mit „An den Ufern des Loing“ 1885 ein Bild, das uns einen Moment lang den Sommer zurückschenkt.

Zu sehen ist es von Dienstag an im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum, das die erste Einzelausstellung des Malers in Deutschland zeigt. Unter dem Titel „Alfred Sisley – der wahre Impressionist“ bieten rund 80 Gemälde, einige Zeichnungen und Grafikblätter einen Querschnitt durch das Schaffen des Mannes, der viel weniger berühmt ist als seine Freunde Monet und Renoir.

Ein Grund mag sein kurzes Leben gewesen sein und seine ruhige Art. Alfred Sisley, geboren 1839 in Paris als Sohn eines britischen Tuchhändlers, hatte bis zum deutsch-französischen Krieg von 1870/71 keine materiellen Sorgen, gelegentlich unterstützte er sogar Monet und Renoir. In der wirtschaftlichen Krise wurde das väterliche Geschäft ruiniert. Sisley lebte fortan von seiner Malerei, eine kümmerliche Existenz. Zu Lebzeiten fand er zwar einige Kenner, die sein Werk sehr schätzten, zum Beispiel die Dichter Stéphane Mallarmé und Emile Zola. Aber seine feinen Landschaften brachten Spottpreise von 100, 200 Francs, während ein Bild Monets längst fünfstellige Beträge kostete. So blieb ihm nur der Umzug aus dem teuren Paris in die Provinz, wo er auch seine Motive fand. Oft bettelte er bei Freunden und seinen Galeristen um Kredite. Erst nach seinem frühen Tod 1899 (er litt an Krebs) zogen die Preise an, da allerdings schnell. Monet, den Sisley gebeten hatte, sich um seine Kinder zu kümmern, organsierte eine Auktion, die 145 000 Francs erbringt.

Er war immer Außenseiter, schon weil Frankreich ihm die Staatsbürgerschaft erst nach seinem Tod gewährte, obwohl er sie mehrmals beantragt hatte. Ein Engländer in Paris, ein leiser Mann, der anders als Kollegen keine griffige Formel fand, mit der man seine Kunst hätte vermarkten können.

Seinen Bildern merkt man die materielle Not nicht an. In immer neuen Variationen widmete sich der Künstler einem Thema: der Landschaft. Es sind kleine Formate, die im Von-der-Heydt-Museum hängen. Sisley arbeitete für ein bürgerliches Publikum, die Bilder sollten in Wohnzimmer und Salons passen. Der Galerist Durand-Ruel hatte den Künstler gebeten, kleinere Formate zu liefern. Trotzdem malte er offensichtlich mit Lust, in einem Brief schildert er, dass er bei der Arbeit stets eine Melodie von Beethoven vor sich hin summte.

Inzwischen schätzt man ihn. Museumsdirektor Gerhard Finckh nennt ihn den Lyriker unter den Impressionisten. Er gewann Leihgaben aus den großen Museen der Welt wie dem Louvre und dem Petit Palais in Paris, der Tate Gallery in London, dem Metropolitan Museum in New York. Sisleys Gemälde fangen die Stimmung einer Landschaft ein, ganz beiläufige, unauffällige Dinge formuliert er wie kaum ein anderer. „Auf seiner Leinwand spürt man den Lufthauch noch, und die Blätter bewegen sich leicht im Wind“, schrieb Mallarmé. Sisley legte größten Wert auf die Gestaltung des Himmels. In Bildern wie „Sommer in Bougival“ und „Straße in Marly“ (beide 1876) bezaubert er mit der suggestiven Schilderung von Wolkenkonstellationen, die wohl jeder schon einmal in der Natur wahrgenommen hat. Die Kleinstadtszenerie aus Marly gewinnt zusätzlichen Charme durch die Suggestivkraft, mit der er durch relativ grobe Pinselstriche den Eindruck feuchten Straßenpflasters plastisch werden lässt. Dem Unauffälligen gewinnt er größte Poesie ab, windbewegten Grashalmen, den Pflastersteinen, dem Laub der Bäume, den winterlichen Schneeflächen und dem abgründigen, manchmal gewellten, rätselhaft spiegelnden Wasser der Flüsse.

Wie Monet arbeitete Sisley seriell. Anfangs ist sein Werk geradezu als Porträtserie der Seine zu verstehen. Später widmet er sich dem Loing und dem Canal du Loing. Nachdem er von Monets Erfolg mit der Serie von der Kathedrale von Rouen gehört hatte, begann er eine Serie von der gotischen Kirche von Moret. Allerdings schuf er seine Bilder mit wechselnden Standorten und Blickpunkten. Seine Bilder haben nicht die Radikalität von Monets Serie. Aber wie Sisley in „Die Kirche von Moret (am Abend)“ mit dem Wechselspiel von Licht und Schlagschatten spielt, das beweist nicht nur ein hohes Bewusstsein für Modernität. Es ist auch ein maltechnisches Virtuosenstück.

Alfred Sisley im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal. 13.9.–29.1.2012, di, mi 11 – 18, do, fr 11 – 20, sa, so 10 – 18 Uhr, Tel. 0202/563 62 31, http://www.sisley-ausstellung.de

Katalog 25 Euro

Quelle: wa.de

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