Ikonenschau „Mythos Palech“ in der Kunsthalle Recklinghausen

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Dramatisch: Die Verklärung Christi, Palech, Anfang 19. Jahrhundert. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ RECKLINGHAUSEN–Es sieht aus, als ob Christus auf drei Flammenstrahlen in der Luft stehe wie eine Rakete. Aber daran hat der anonyme russische Ikonenmaler aus Palech nicht gedacht, als er Anfang des 19.

Jahrhunderts seine Version der „Verklärung Christi“ malte. Überaus dramatisch schildert er das biblische Geschehen, und alle Akteure treten dabei mehrmals auf. Links unten sieht man Christus mit seinen Jüngern den Berg hinaufgehen. In der Mitte unten findet man ihn doppelt: Schwebend im weißen Gewand, flankiert von den Heiligen Elija und Moses. Die Flammen sind mystische Lichtstrahlen, die die Jünger blenden, so dass sie unten zu Boden gehen. Darüber sieht man Christus, nun im blauen Gewand, der sie beruhigt und stützt. Rechts steigen sie vom Berg herab, und Christus mahnt sie mit erhobenem Zeigefinger, vor seiner Auferstehung niemandem von den Ereignissen zu erzählen.

Diese Ikone gehört zu den Prunkstücken der Ausstellung „Mythos Palech – Ikonen und Lackminiaturen“ in der Kunsthalle Recklinghausen. Dort sind rund 300 Exponate zu sehen, erstmals in Deutschland. Kuratiert wurde die Schau von Eva Haustein-Bartsch, der Kustodin des Ikonen-Museums Recklinghausen, und dem Schweizer Kunsthistoriker Felix Waechter. Sie zeichnen die Entwicklung der Feinmalerei in dem russischen Dorf 300 Kilometer nordöstlich von Moskau bis ins 21. Jahrhundert nach.

Ikonen aus Palech haben einen sehr guten Ruf. Große Tafeln können auf dem Kunstmarkt sechsstellige Summen erzielen. Die Ikonenmalerei in Palech begann im 17. Jahrhundert. Die Bauern merkten, dass sie mit Bildern mehr verdienen konnten als mit der Bestellung des schlechten Bodens. Zur Zeit der Oktoberrevolution lebten 2000 Menschen in dem Dorf, 500 malten. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich der besondere Stil von Palech: Fein gemalte Darstellungen, oft hinterlegt mit Pastelltönen. Oft waren die Tafeln unterteilt wie Comics in kleine Bildfelder, die Kapitel aus dem Leben eines Heiligen schilderten oder auch speziellen Feiertagen gewidmet waren. So sind die Ikonen aus Palech oft sehr kleinteilig und erinnern an Miniaturen. Darum muss man für diesen Teil der Schau Zeit mitbringen. Die „Muttergottes von Vladimir“ ist von zwölf Bildfeldern umgeben, in denen die Geschichte dieser wundertätigen Ikone berichtet wird, und um die zwölf Felder herum sind 24 Felder angeordnet, in denen der Hymnos von Akathistos bebildert wird. Die „Auferstehung Christi“ ist mal von zwölf, mal von 16 Festtags-Bildern gerahmt.

1917 kam die Oktoberrevolution, unter kommunistischer Herrschaft gab es keinen Markt für sakrale Kunst mehr. Die Palecher Maler verlegten sich auf die Produktion von Kunsthandwerk, von Kästchen aus Papiermaché mit Lackmalerei. Dabei griff man durchaus Motive des Sozialistischen Realismus auf, malte Arbeiter und Bauern und revolutionäre Soldaten. Davon ist in Recklinghausen leider kaum etwas zu sehen, nur eine „Schnitterin“ (1927). Stattdessen darf sich der Freund naiver Kunst an technisch anspruchsvollen Variationen von folkloristischen und Märchenmotiven erfreuen. Diese Produktion war durchaus erfolgreich: Palech wurde ein Devisenbringer für den Sowjetstaat.

Nach dem Zerfall des Kommunismus 1989 erlebte die Orthodoxie in Russland eine Renaissance. In Palech begann man wieder mit der Ikonenproduktion. Die Künstler sind auch gefragt, um Fresken in neu gebaute oder wieder eröffnete Kirchen zu malen. Die Technik beherrschen die modernen Künstler, und sie reproduzieren im Sinne der Ikonenmalerei auch streng die alten Bildmuster. Schon im 18. Jahrhundert gründete sich der Erfolg von Palech darauf, dass die Künstler den Geschmack einer konservativ orthodoxen Kundschaft trafen. Dieser Tradition blieben sie treu, was die neuen Ikonen kalt und glatt wirken lässt.

Spannend dagegen ist eine Videoinstallation von Thomas Köner, die im Obergeschoss läuft. Für „Im Taborschatten“ hat der Künstler Ikonen gefilmt und animiert. Und so sieht man den gemalten Christus und Heilige, wie sie die Augen öffnen und schließen und manchmal lächeln, wobei nie der Eindruck eines Blickkontakts entsteht. Eine Arbeit voller Kraft und leisem Humor.

Bis 6.2., di – so 11 – 18, mi bis 20 Uhr, Tel. 02361/

501 941, http://www.kunst-re.de,

Katalog 35 Euro

Quelle: wa.de

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