Ibsens „Gespenster“ bei den Ruhrfestspielen

Mutter und Sohn: Almut Zilcher und Luc Schiltz in der „Gespenster“-Inszenierung der Ruhrfestspiele (zur Gesamtansicht auf das Kreuz klicken).

Recklinghausen - Regine greift zum Besen und kehrt im Bürgerhaus ihrer Dienstherren. Sie ist gewissenhaft, auch als ihr Vater aufkreuzt und ihr ein gemeinsames Geschäft in Aussicht stellt, damit sie ihm den Haushalt in der Stadt führt. Regine bleibt aber bei den Alvings, schiebt den schlunzigen Schreiner aus dem Weg, ist ruppig und selbstbestimmt.

Henrik Ibsens modernes Drama „Gespenster“ startet bei den Ruhrfestspielen ganz handfest. Zu den volksnahen Figuren gesellt sich noch Pater Manders, der dem Vater in gestelzter Rede beipflichtet und dem emsigen Hausmädchen auf den Po klappst.

Regisseur Johannes Zametzer hat allerdings kein Gartenzimmer als Spielort gewählt und der Blick in die Fjordlandschaft fehlt ebenfalls. Es geht letztlich ums Erkennen seiner selbst in dem Theaterklassiker. Im Festspielhaus gibt es einen abstrahierten Ort dazu, ohne norwegische Landschaft.

Manders kommt mit einem Haus unterm Arm. Der Jugendfreund Helene Alvings sitzt mit ihr vor dem Denkmalmodell zu Ehren ihres Mannes wie in einem Spielzimmer, das voller Illusionen steckt. Beide teilen sich eine Zigarette – die frühen Jahre.

Hier verwischen die Bezugsgrößen, und die Inszenierung bemüht eine Komik, die die Figuren in ihrem Eigensinn ausstellt. Almut Zilcher wedelt als Helene Alving mit ihrem schwarzen Schleier wie ein Hausgeist in Trauermontur. Götz Argus stellt den Pastor als stocksteifen Würdenträger aus, der sich an die Pflichten seines Amtes klammert. Als er die Hausherrin daran erinnert, dass sie einst Ehe- und Mutterpflichten ausschlagen wollte, dröhnt seine Selbstgefälligkeit laut und hohl. Ein anstrengender Kerl. Erst als Osvald, Helenes Sohn, erscheint, gerät das selbstbezogene Typenspiel unter Druck. Der Künstler mit Hut, Stöckelschuhen und E-Zigarette spricht vom freien Leben und provoziert mit Kopulations- und Fellatio-Praktiken den Pastor, der „wilde Ehen“ geißelt. Vor allem ehrenwerte Bürger nutzen neue Freiräume, weiß Osvald und flippt angesichts schamloser Unmoral aus.

Zametzers Inszenierung rückt von der naturalistischen Vorlage ab und betont vor allem die innere Zerrissenheit der Figuren im plastischen Spiel. Die Bühne von Christoph Rasche ist eine malerisch marmorierte Fläche in Beige-Weiß-Tönen. Erde liegt im Zentrum, und Oswald wälzt sich mit Regine darin, setzen doch beide auf eine gemeinsame Zukunft, ohne zu wissen, woher die Hoffnung kommt.

Liebe ist hier nur ein Verlustgeschäft. Luc Schiltz spielt den Künstler als verlorenen Sohn, der früh das Haus verlassen musste, weil die Mutter ihn vor seinem egomanischen Vater schützen wollte. Solche Verwerfungen aus der Vergangenheit bestimmen nun als „Gespenster“ die Gegenwart mit ihren sozialen Traumata. Das ist beklemmend inszeniert. Nur Regine (Anouk Wagener), die von Osvald wie eine Skulptur mit Farbe und Schaumwein modelliert wird, kann sich lösen und stürmt davon, als sie gewahr wird, dass ihre Mutter einst vom Hausherren Alving geschwängert wurde und der Schreiner Engstrand sie für eine Zahlung aufgenommen hatte.

Almut Zilcher konzentriert in „Gespenster“ die Einsicht der Helene Alving zu einer Tragödie mit klassischem Format. Sie hat ihre Ehehölle überlebt, aber die tödliche Hirnerkrankung ihres Sohnes hält sie nicht auf. Beide sind sich nah und in Zärtlichkeit zugewandt, kommt doch die gemeinsame Zeit nicht zurück, die ihnen so fehlt.

Zum Ende ergreift einen die Koproduktion der Ruhrfestspiele mit de Théâtres de la Ville de Luxembourg, weil vor allem die tragische Mutter-Sohn-Beziehung von Zilcher und Schiltz inniglich ausgespielt wird. Viel Applaus im Kleinen Theater der Festspiele.

19. 5. Festspielhaus; Tel. 02361 / 92 180; www.ruhrfestspiele.de

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