„Hyperrealism Sculpture“ im Museum La Boverie in Lüttich

Eine zärtliche Geste und eine Allegorie auf Anfang und Ende des Lebens: Sam Jinks’ Skulptur „Woman and Child“ (2010) ist in Lüttich zu sehen. Foto: Stiftel

Lüttich – Eine Greisin im bodenlangen Nachthemd steht vor uns, den Kopf gebeugt in einer schützenden Geste über den nackten Säugling auf ihrem Arm. Jedes graue Haar, jedes Muttermal und jede Runzel ihrer Haut, die blau durchscheinenden Adern hat Sam Jinks in seiner hyperrealistischen Skulptur täuschend nachgebildet.

Allerdings hat er „Woman and Child“ (2010) etwas verkleinert. Nicht nur deshalb spricht diese Vertrautheit, diese Nähe unmittelbar an. Der australische Künstler vermittelt tiefe Zuneigung, die sich ungeschützt, verletzlich zeigt. Zugleich schuf er eine Allegorie auf das Leben, zeigt Anfang und Ende in diesem ungleichen Menschenpaar. Vielleicht stellt er sogar ein und dieselbe Person als Kind und alte Frau vor.

Zu sehen ist die Skulptur in der Ausstellung „Hyperrealism Sculpture – ceci n’est pas un corps“ im Museum La Boverie in Lüttich. Die Schau bietet eine Übersicht über die Entwicklung der hyperrealistischen Skulptur von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Die mehr als 40 zum Teil monumentalen Arbeiten sind ausschließlich dem menschlichen Körper gewidmet. Was zum Beispiel Andy Warhols „Brillo Boxes“ ebenso ausschließt wie Claes Oldenburgs weiche Eiscremetüten. Aber man gewinnt einen spannenden Überblick über die Vielfalt an Themen und Stilen in dieser Kunstrichtung.

Natürlich war Naturähnlichkeit schon in der Antike ein Ideal, dem die Künstler nachstrebten. Der mythische Bildhauer Pygmalion schuf die Skulptur einer Frau, Galathea, die ihm so lebensecht geriet, dass er sich in sie verliebte. Immer wieder hat man seine Aha-Momente in den Räumen: Gewiss, die Frau, die sich da an der Wand abstützt und den Kopf mit einem grünen Tuch verhüllt hat, ist wirklich ein Kunstwerk – „Caroline“ (2014) vom französischen Bildhauer Daniel Firman. Aber die Dame, die gerade noch reglos auf die Texttafel blickte, die bewegt sich plötzlich.

Der Hyperrealismus begann in der Pop-Art. In den USA wandten sich Künstler ab von der Abstraktion und wollten wieder Menschen zeigen. George Segal nahm Gipsabgüsse von Menschen und kombinierte die weißen, etwas klobigen Hüllen mit realen Objekten. Der banale Alltag wurde Thema, zum Beispiel in „Gottlieb’s Wishing Well“ (1963), wo ein weißer Gipsschemen an einem echten Automaten flippert.

Von solchen Arbeiten ließ sich Duane Hanson (1925–1996) inspirieren zu seinen Abbildern lebender Menschen. Seine „Two Workers“ entstanden 1993 für das Bonner Haus der Geschichte. Hanson ließ den Hausmeister und den Pflasterer in die USA einfliegen, nahm Körperabdrücke und schuf ihre Porträts in Bronze, die bemalt wurde. Für die Frisuren wurden die Originalhaare verwendet, die Kleidungsstücke und Werkzeuge sind Originalobjekte. In Lüttich korrespndiert damit „Ethyl“ (2001), eine ältere Dame in fleckiger Schürze, mit Putzeimer in der Hand und Kippe im Mund. Tom Kuebler setzt Hansons Werk fort, allerdings mit einem ironischen Akzent.

John DeAndrea konzentriert sich auf Aktdarstellungen. Das „Mädchen mit dem roten Tuch“ (1984) scheint tief zu schlafen. Aber obwohl DeAndrea eine schöne junge Frau ausgewählt hat, idealisiert er nicht, lässt kein Muttermal, keinen Leberfleck aus.

Gerade die Hyperrealisten knüpfen oft an traditionelle Formen an. Thom Puckeys „Figure on Bed with Camera and Weapons“ (2013) ist aus weißem Statuario Marmor gehauen. Eine lebensgroße nackte Frau liegt auf einem Bett und nimmt mit hochgestreckten Armen ein Selfie von sich auf. Neben ihr liegen Waffen, ein Raketenwerfer, unter der Decke Gewehre. Ein sehr modernes, etwas kryptisches Motiv, aber der britische Bildhauer greift dafür auf den Formenschatz mittelalterlicher Grabmale zurück. DeAndreas Liegende variiert ein Motiv, das besonders in der Malerei von Giorgiones liegender Venus bis zu Goyas nackter Maja verbreitet ist.

Aber der Hyperrealismus erlaubt auch andere Effekte: Ironie, Erschrecken, Pathos. Der britische Pop-Künstler Allen Jones thematisiert in seiner Arbeit „Secretary“ (1972) den Sexismus. Drei Paar lange Frauenbeine in Stiefeln und jeweils ein Arm ragen direkt aus der Wand. Maurizio Cattelan dreht die Schraube der Provokation noch weiter: Er lässt drei Arme aus der Wand den Hitlergruß entbieten und nennt die Arbeit „Ave Maria“ (2007). Die Amerikanerin Carole A. Feuerman hingegen nutzt die Technik, um starke, in sich selbst ruhende Frauen zu porträtieren. Nur die Büste von „Catalina“ (1981) ist zu sehen, sie trägt einen Badeanzug, auf ihrer Haut glitzern noch Wassertropfen, ihre Augen sind geschlossen.

Man kann der Skulptur nicht ausweichen. Insoweit berührt sie oft emotional besonders, zum Beispiel das Paar, das Marc Sijan in „Embrace“ (2014) zeigt. Sie sind nackt, nicht mehr ganz jung. Die Frau kauert sich in seinen Schoß, und es gelingt dem serbischen Künstler, die Gefühle mehr zu betonen als das Sexuelle. Intimität wirkt besonders intim, wenn man jede Falte sieht. Aber auch die geschundenen Torsi, die Berlinde de Bruykere aus Naturstoffen wie Wachs, Harz und Haut formt, gehen dem Betrachter nah. Dabei sind sie gerade nicht hyperrealistisch. Man denkt nicht, einen wirklichen Menschen zu sehen. Aber den Schmerz hat sie sehr wirksam einer Arbeit wie „Elie“ (2009) eingeschrieben. Grotesk wirkt „A Girl“ (2006) von Ron Mueck. Fünf Meter lang liegt das Neugeborene vor uns, die blaue Nabelschnur ist noch nicht abgeschnitten, Blutflecken und Druckstellen zeugen davon, wie gewaltsam eine Geburt verläuft.

Der Hyperrealismus eignet sich auch dazu, Geschichten zu erzählen. Zharko Basheski lässt einen nackten Riesen aus dem Boden steigen („Ordinary Man“, 2009-10), allein der Oberkörper ragt mehr als zwei Meter hoch. Zunächst denkt man an Fantasy, aber das Motiv greift auch alte Darstellungen des jüngsten Gerichts auf, wo die Toten aus den Gräbern steigen. Patricia Piccinini zeigt auf einem Opossum-Fell ein Neugeborenes (2010), ein Mischgeschöpf aus Baby und Tier, mit einem niedlichen Rüssel, eine Mutation vielleicht oder Erzeugnis eines gentechnischen Experiments.

Den Kunstbetrieb ironisieren Daniel Glaser und Magdalena Kunz mit „Jonathan“ (2009). Der offenbar nach einem Unfall komplett eingegipste Mann sitzt im Rollstuhl. Ständig klingelt sein Telefon, und er spricht über Ankäufe und Galeriebesuche, während sein Blick sich mal hierhin, mal dorthin wendet. Dies filmische Skulptur wirkt frappierend lebendig. Vor einigen Jahren wurde Jonathan sogar als Besucher der Kunstmesse Art Basel akzeptiert, erzählt Glaser.

Bis 3.5.2020,

di – fr 9.30 – 18 Uhr,

Tel. 0032 / 2 / 549 60 49, www.expo-corps.be

Katalog (frz./nl.) 25 Euro

Audioguide, Beschriftungen und Kurzführer auf deutsch

Quelle: wa.de

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