Hygiene-Museum Dresden zeigt „Auf die Plätze. Sport und Gesellschaft“

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Im Glaskubus wird „Die Vielfalt der Arten“ gefeiert: Sportgeräte im Hygiene-Museum Dresden. ▪

Von Achim Lettmann ▪ DRESDEN–Wer schaut nicht gern in ein Schaufenster? Im Hygiene-Museum Dresden werden Sportgeräte aus allen Zeiten im Spotlicht hinter Glas präsentiert. Das ist herrlich anzusehen und eröffnet eine Ausstellung, die uns fragt: Was macht Bewegung zu Sport?

Und unter welchen ethischen, ökonomischen und ästhetischen Vorzeichen findet Sport statt? Der Titel „Auf die Plätze. Sport und Gesellschaft“ könnte allumfassender kaum sein. Hier die kulturwissenschaftliche Fragestellung, dort das weite Arbeitsfeld beziehungsweise die Sportanlagen. Ein Mammut-Thema, denen die Organisatoren der Schau in Dresden von Anfang an hinterher hecheln.

Immerhin berührt einen die materielle Dimension der sportlichen Aktivität vor der großen zentralen Vitrine der Sonderausstellung: Ein Rennrad von 1908 mit Holzfelgen, unweit daneben ein Downhill-Mountainbike Specialized Demo 8 FSR (2011) – schlichte Klassik neben versierter Technik. Man darf staunen. Ein Medizinball ist zu sehen, ein Fußball, beide aus den 20er Jahren, ein Gummiball des Turn- und Sportfestes der DDR in Leipzig 1987. Ein Bob, ein Rennschlitten, Sportschuhe mit verschiedensten Sohlen, wie der Stollenschuh von 1930, der zeigt, woher der Name kommt. Die ersten hatten wirklich lange Querriegel unter der Sohle und nicht die kleinen runden Knubbel wie heutzutage.

Neben dem summarischen Konzept – es werden 965 Exponate gezeigt – geht die Ausstellung auch mal in die Tiefe. Der Film „Wege zu Kraft und Schönheit“ (1924/25) von Wilhelm Prager transportierte den Zeitgeist. Die Körperertüchtigung sollte der Erneuerung des Menschen dienen, wie so vieles in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Der abendfüllende Film war ein Welterfolg mit Merksätzen wie „eine wirklich schöne Frau braucht kein Korsett“. Das neue Bewusstsein dieser Zeit wird vermittelt. „Schwedische Gymnastik“ ist im Bild zu sehen, und ein Punkt-Vibrator (1930) der Baginski Fabrik (Berlin) erschließt den neuen Wirtschaftszweig „orthopädische Apparate“. Um den Objekttext zu lesen, muss man allerdings in die Knie gehen. Vielleicht wollte Kuratorin Susanne Wernsing die Sportlichkeit der Besucher testen? An anderer Stelle kann man sich an Seil und Sprossenwand erproben.

Die Ausstellung macht deutlich, dass die Körperkultur des 19. Jahrhunderts bereits die Grundlagen für unser Fitness-Verständnis legte. Dass der Bürger des 18. Jahrhunderts mit aufrechter Haltung seine Selbstständigkeit sichtbar machte, ging später in die Aufforderung über, an einem „inneren Muskelkorsett“ zu arbeiten. Sport wurde gesellschaftsfähig. Weshalb und wann allerdings aus der Körperertüchtigung der Sport entwickelt wurde, der Gefahren einschließt wie Steilwandklettern, Paragliding und Ultra-Marathon ist auf der Stationen-Tour durchs Museum nicht zu erfahren. Es wird als Thema unter „Der Kampf mit sich und der Natur“ psychologisch erläutert.

Die Ausstellung konzentriert sich nur punktuell. Die vielen Beispiele sind für den Moment interessant, wirken aber insgesamt zufällig. Arnold Schwarzenegger wird in Bild und Film als Bodybuilder vorgeführt. Eugen Sandow (1867-1925) war als „Kraftmensch“ seiner Zeit ein Vorfahr des Muskelkults. Sportexpander (1960-65) und Federgriffhantel (1982) liegen zur Ansicht bereit. Bilder zum Bewegungsrepertoire von Reform- und Ausdruckstanz schließen sich schon bald an. Eine ganz andere Körpererfahrung und Inszenierung.

Im Wechsel der Schaustücke geht ein Thema wie „Sport und Militär“ unter. Die Kuratoren stellen tatsächlich nur zwei Vitrinen auf, die Handgranaten zum Üben präsentieren. Im DDR-Schulsport wurden die Attrappen geworfen. Filme zur „Deutschen Bundeswehr“ und die „Arbeiterolympiade“ von 1931 zeigen vor allem, wie oberflächlich eine Schau gerät, wenn man meint, alles präsentieren zu müssen. „Sport und Militär“ hätte eine eigene Ausstellung verdient. Kunstwerke sind tatsächlich auch noch zu sehen.

Zum Ende verraten Themenstationen wie „Mehr als Sport und doch keine Arbeit“, dass die Sportisierung der Gesellschaft die Ausstellungsmacher überfordert, noch treffliche Kriterien zu nennen, um dem Sportphänomen beizukommen. Der Sport hat seine zweckfreie Eigenwelt eröffnet. Am Beispiel vom Skateboard und vom Snowboard, die beide in den 50/60er Jahren in den USA entwickelt wurden, ist aus dem Freizeitspaß ein Lebensstil mutiert. Und die Bekleidungsindustrie mischt mit. An welcher Stelle formt die Kommerzialisierung den Sport? Wann hört Sport eigentlich auf?

„Auf die Plätze“ schafft keine Orientierung in der sportisierten Gesellschaft. Die Fragen bleiben.

Die Schau

Ein Sammelsurium zur Geschichte des Sports, das sehenswert, aber zuwenig sortiert ist und die Materialschwemme letztlich nicht beherrscht.

Auf die Plätze. Sport und Gesellschaft im Hygiene-Museum Dresden. Bis 26. Februar 2012; di-so 10 bis 18 Uhr; Katalog 24,90 Euro; Tel. 0351 / 4846 400; http://www.dhmd.de

Quelle: wa.de

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