„Hydra“: Im „Tatort“ aus Dortmund ermittelt Kommissar Faber in der Neonazi-Szene

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Wie stand der Rechtsextremist Stefan Tremmel (Rolf Peter Kahl, links) zum Mordopfer? Kommissar Faber (Jörg Hartmann) fragt im neuen „Tatort“ aus Dortmund nach.

Von Ralf Stiftel -  Sie soll die Finger von den Baseballschlägern des Skinheads lassen, blafft Kommissar Faber seiner Kollegin Dalay an. Als die türkische Ermittlerin dem Skinhead eine Frage stellt, sagt der zu Faber: „Sagen Sie ihr, das geht sie einen Scheißdreck an!“ Und Faber richtet das wörtlich aus: „Frau Dalay, das geht Sie einen Scheißdreck an!“ Manche Zuschauer werden dem Dortmunder „Tatort“-Kommissar ankreiden, wie er sich dem Neonazi anbiedert, auf Kosten seiner Begleiterin.

Aber das ist eingepreist. Dass ihn viele Kollegen für ein Arschloch halten, quittiert er mit einem Achselzucken. Er weiß, was er tut. Und er setzt Grenzen. Wenn der Neonazi zum Abschied „Heil Hitler!“ ruft, bleibt er stumm. Vor der Tür lächelt er Nora Dalay zu, einen kleinen Moment lang, und sie lächelt auch. Alles Taktik, Faber hat wieder „mit der Türkin vor der Nazinase rumgewedelt“, wie Dalay es formuliert.

Das Quartett aus dem Ruhrgebiet hält in seinem fünften Fall den hohen Standard. Speziell Faber polarisiert. Einerseits psychisch angeschlagen seit der Ermordung von Frau und Kind. Andererseits gesegnet mit einem fast übermenschlichen Einfühlungsvermögen, genauer Beobachtung, präzisem Denken. All das ist gefordert im aktuellen Fall „Hydra“, der in die Dortmunder Neonazi-Szene führt. Der Führer der „Nationalen Sozialen“ wird am alten Hochofen im Stadtteil Hörde ermordet aufgefunden. Und in seinem Milieu finden sich zahllose Verdächtige. Fiel Kai Fischer nun einem Machtkampf innerhalb der Bewegung zum Opfer? Oder hat die „Jüdin“ geschossen, die die Witwe des Toten gleich beschuldigt? Fischer war kein unbeschriebenes Blatt: Jedida Steinmann wirft ihm vor, wiederum ihren Mann an einer Bahnhaltestelle so zusammengetreten zu haben, dass der starb.

Einen verwickelten Fall erzählen Regisseurin Nicole Weegmann und Autor Jürgen Werner von den Schauplätzen her. So behält der Zuschauer den Überblick. Ein Lehrstück, das die Spannung hält. Im Polizei-Präsidium zeigen Flurgespräche die Rivalitäten zwischen den Teams. Und der ehrgeizige junge Staatsanwalt Matuschek sorgt zusätzlich für Druck: „Wir brauchen keinen braunen Märtyrer in Dortmund!“ In der Opferberatungsstelle, die Jedida Steinmann führt, fliegen Stahlkugeln durch die Scheiben – und dem bedrohten Paar kann die „Jüdin“ nicht viel Hoffnung machen. In der BVB-Fankneipe dröhnt Rechtsrock und fliegen Fäuste. Hier findet Kommissar Kossik ausgerechnet seinen Bruder als Kameraden der Rechten. Und dann gibt es auch noch eine undichte Stelle bei der Polizei, mit Fabers Worten: „Eine Ratte im Präsidium“.

Was den Dortmunder „Tatort“ abhebt von anderen Sonntagabendkrimis: Die Protagonisten haben eine Geschichte, verändern sich. So fließt die gescheiterte Beziehung zwischen Kossik und Dalay ein. Weil Nora Dalay angeschlagen ist, geht sie den Maskierten in die Falle, die sie aus ihrer Wohnung in der Nordstadt locken. Das ergibt drei Minuten, die schmerzen und packen.

Man sieht großartig Kamerafahrten über die Hochofenruinen, eine Autofahrt durch triste Vorortstraßen, die mehr von Nöten der Stadt spricht als viele Vorträge.

Die Schauspieler sind großartig: Jörg Hartmann gibt dem „Psycho“ Faber diesmal einige ironischere Akzente, zum Beispiel wenn er einen Obdachlosen auf der Sperrmüllmatratze als Zeugen befragt: „Was biss du’n für einer?“ „N Bulle mit Frühstück.“ Aylin Tezel spielt als Nora hochrealistisch die seelischen Wunden der Nazigewalt. Stefan Konarske zeigt als Kossik, dass ein „Tatort“ auch Platz für zwei Arschlöcher bietet. Und Anna Schudt gibt die erfahrene Kommissarin Bönisch wunderbar zurückgenommen.

Ein hervorragender Tatort: Mit Grautönen statt Schwarzweiß. Witzig. Spannend.

Sonntag, ARD, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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