Hugh Raffles schreibt eine „Insektopädie“ über faszinierende Tiere

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Faszinierendes Insekt: Eine Honigbiene. Hugh Raffles weiß in seiner „Insektopädie“ über sie allerhand zu berichten.

Von Ralf Stiftel Hugh Raffles lässt sich von Insekten faszinieren. Wenn ihm unter der Dusche eine siebeneinhalb Zentimeter lange Kakerlake vor die Füße fällt, dann wird daraus eine Begegnung. Das weibliche Tier klettert auf die Stange des Duschvorhangs, hält auf Augenhöhe inne, „ihr ansehnliches und intelligentes Gesicht in einem philosophischen Winkel geneigt, musterte sie mich der Länge nach mit einem komischen, spöttischen Blick, als amüsierte sie diese unerwartete Situation“.

Raffles, in London geboren, lehrt als Anthropologe an der New School, einer fortschrittlichen Universität in New York. Seine „Insektopädie“ ist kein entomologisches Lexikon, sondern eine Sammlung von mal kurzen, mal längeren Essays und Reportagen in Form eines Alphabets. Er gibt sich ganz der Faszination dieser vielgestaltigen Tiere hin. Er schildert uns ihre schiere Menge, dass in einer Luftsäule zwischen 15 und 4200 Metern Höhe über eineinhalb Quadratkilometern in Louisiana durchschnittlich 25 bis 36 Millionen Insekten herumwirbeln, als „Luftplankton“. Anpassungskünstler, die die Erde lange vor uns betraten und uns wohl auch überleben werden.

Diese Lebewesen verfügen über die raffiniertesten Überlebenskünste. Raffles erzählt vom französischen Forscher Jean-Henri Fabre, der im 19. Jahrhundert Wespen beobachtete, lebende Tiere, die ihre Eier in Höhlen auf gefangenen, gelähmten, aber noch lebenden Raupen ablegen, so dass ihr Nachwuchs sich an dieser Beute satt fressen kann. Fabre hielt die Präzision, mit der die Wespe vorgeht, für eine Widerlegung der Darwinschen Evolutionstheorie. Er lag, wie Raffles mitteilt, damit falsch.

Das macht – neben der wunderbaren Verständlichkeit – den Reiz von Raffles Buch aus: Er erweitert im Plauderton den Horizont des Lesers. Von den Insekten sprechen, heißt für ihn immer auch, von Menschen zu sprechen. Was für eine hinreißende Lesereise ist seine Reportage über die Grillenkämpfe in China. Vom Grillenmuseum führt er uns bis in die Turnierhalle von Boss Xun, eine Spiel- und Wetthölle, und Raffles schildert uns den Kampf: „Ein plötzlicher Angriff, ein Satz, ein Ausfallschritt gegen den Kiefer oder das Bein des Gegners und der Raum ließ einen heftigen ungewollten Atemzug vernehmen.“ Und der Verlierer? Er wird in die Natur entlassen, ihm wird nichts geschehen. „Die Verwünschung eines jeden, der einer besiegten Grille Leid antut, ist Garantie genug.“ Überhaupt scheint Asien Insektengebiet zu sein. Eine weitere Reportage widmet der Autor den Käfersammlern in Japan. Aber auch in der Toskana feiern sie das Grillenfest – und nicht zufällig ist in Carlo Collodis großem Buch „Pinocchio“ eine Grille das ernste Gewissen der belebten Holzpuppe.

Raffles denkt aber auch die politischen Aspekte der Insekten mit. Unter - schreibt er darüber, wie die Nazis erst metaphorisch die Juden zu (un-)menschlichen Insekten umdefinierten, um ihre Vernichtung zu legitimieren. Und er verfolgt dieses bildliche Sprechen zurück in die Geschichte. Nicht einmal diese rhetorische Figur einer Menschengruppe als Parasiten haben die Nationalsozialisten erfunden, sie entstand im 18. Jahrhundert. Und in seinem sympathisierenden Porträt des Biologen Karl von Frisch, der 1973 für seine Entdeckung der Bienensprache den Nobelpreis erhielt, notiert Raffles auch, dass 1937 eine Kampagne gegen ihn lief, weil er seine Forschung eben nicht in den Dienst der NS-Ideologie stellte.

Der Autor spricht so viele Themen an, Umweltvernichtung zum Beispiel. Oder er schreibt über die Heuschrecken in Afrika, die einerseits im Niger als „Spaßessen“ dienen, „knusprig“, mit Öl, Chili und viel Salz zubereitet werden: „Soooo délicieux!“ Und andererseits sind sie noch wie zu biblischen Zeiten eine Plage, die in Niger 20 bis 30 Prozent des landwirtschaftlichen Ertrags vernichten, wenn sie als hungriger Schwarm unterwegs sind.

Dann berichtet Raffles noch von Sex, vom Arschlochspiel zwischen einem Schmetterling und einem Käfer zum Beispiel, das ein Entomologe in Florida beobachtet hat. Und er schildert die bizarren Fantasien der Crunch-Freaks, die von der Vorstellung besessen sind, sie seine insektenklein und würden von ihrer Angebeteten zertreten. Und sie haben spezielle Videos, um sich anzuregen, bei denen Frauen mit nackten Füßen Käfer zertreten.

Das Buch ist nicht nur spannend, aufklärend und unterhaltsam. Es ist auch wunderschön gestaltet, mit einem flexiblem Leinenband, der je nach Lichteinfall zwischen grün und blau schillert – wie eine Libelle in der Sommersonne.

Hugh Raffles: Insektopädie. Deutsch von Thomas Schestag. Verlag Matthes und Seitz, Berlin. 384 S., 38 Euro

Quelle: wa.de

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