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„House Of Mirrors“: Ausstellung in Dortmund über Künstliche Intelligenz

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Von: Ralf Stiftel

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Installation „Normalizi.ng“ (2020) des Künstlers Mushon Zer-Aviv
Wie normal ist ein Gesicht? Der Künstler Mushon Zer-Aviv untersucht das in seiner interaktiven Installation „Normalizi.ng“ (2020). Foto: Stiftel © Ralf Stiftel

Dortmund – Der Zauberspiegel am Eingang kann dem Besucher gleich sagen, wie es ihm geht. 42 Prozent „Lebendigkeit“ oder 55 Prozent „Einbildungskraft“ bekommt der bescheinigt, der hineinschaut. Woher der Spiegel das weiß? Gar nicht. Der Rechner in Sebastian Schmiegs „Decisive Mirror“ wurde mit psychometrischen Daten programmiert, einer Reihe von Gesichtern und damit verbundenen Bewertungen. Nun gleicht er das aktuelle Gesicht mit dem ab, was in ihn gesteckt wurde. Und wird zum Diagnostiker unserer Befindlichkeit.

Computer können erstaunliche Dinge. Verfügen sie darum über „künstliche Intelligenz“? Dieser Frage geht die Ausstellung „House Of Mirrors“ im Hartware Medienkunstverein nach. Im Dortmunder U sind knapp zwei Dutzend Werke von 21 Künstlern zu sehen, die das Verhältnis von Rechnern zum Menschen (oder Nutzer) unter dem Gesichtspunkt von Intelligenz beleuchten. Das Ergebnis ernüchtert: Kein Computer denkt wirklich. Er spult Routinen ab, Vorgaben, die auf dem basieren, was man ihm mitgab.

Die Glücksversprechen der Automatisierung bildet ein Raum ab, in dem die Arbeit „Welcome To Erewhon“ von Pierre Cassou-Noguès, Stéphane Degoutin und Gwenola Wagon auf einem Ensemble von Bildschirmen läuft. Sie beziehen sich auf einen Roman von Samuel Butler, der 1872 die Utopie einer Gesellschaft entwarf, in der alle Arbeit von Maschinen erledigt wird. Mit Werbevideos aus dem Internet suggerieren die Künstler, dass die Vision sich verwirklicht hat. Ein Film ist betitelt „Willkommen im Traum eines Ingenieurs“ und zeigt einen automatisierten Haushalt, in dem der Kühlschrank beim Lieferservice die Milch nachbestellt und der Robo Mop für saubere Fußböden sorgt. Kuschelroboter kümmern sich um Demenz-Patienten. Und weil die Maschinen verwalten und Produktion steuern, werden Büros zu Freizeiträumen, in denen die Angestellten sich mit Spielen vergnügen wie Wettrennen auf Bürostühlen.

Das französische Künstlerkollektiv RYBN erkundet in seiner Installation „Human Computers“ die Ursprünge künstlicher Intelligenz. Schon früh gab es Versuche, zumindest vorzutäuschen, dass eine Maschine intelligent handelt. Legendär ist der „mechanische Türke“ aus dem 18. Jahrhundert, der angeblich Schach spielen konnte. Tatsächlich verbarg sich ein Mensch in dem Gerät. Heute bezeichnet Amazon mit dem Begriff Aufgaben, die kein Algorithmus erledigen kann. Auf Schreibtischen sieht man Bücher, Rechner und anderes Material. Jeder dieser Arbeitsplätze steht für eine Fragestellung, zum Beispiel, wie man eine falsche künstliche Intelligenz identifiziert. Vertraut ist das Computernutzern von dem Kästchen, das man anklicken muss: „I‘m not a robot“. Beim Schach hat die Maschine aufgeholt, das Programm Deep Blue besiegte 1996 Weltmeister Garri Kasparow.

Die Ausstellung arbeitet mit vielen Videos, was dem Besucher einiges an Zeit abfordert. Sie bietet aber auch ausgesprochen unterhaltsame und spielerische Elemente. Julien Prévieux zeigt, wie man Maschinen programmiert. Allerdings setzt er in seinem Video „Where Is My (Deep) Mind?“ Performer ein, die mit absurden Bewegungen und leer laufenden Dialogen maschinelle Kommunikation nachstellen. Vollkommen absurd wird es beim Thema Humor: Wie lernen Rechner Witze mit doppeldeutigen Begriffen?

Im Video „Sorting Song“ beschäftigt sich Simone C Niquille mit Grenzfällen: Eine Vase ähnelt einer Tasse, ein Sessel einer Couch. Menschen ordnen Objekte intuitiv richtig ein. Ein Rechner tut sich da schwer. Unterlegt von einer aufgekratzten Kinderlied-Melodie verwandeln sich in der bunten Animation die Dinge laufend. Vielleicht wird einmal ein Haushaltsroboter damit geschult.

Lauren Lee McCarthy zeigt in ihrer Installation „Lauren“, wie sie eine Woche lang als eine Art Alexa die „smarten“ Häuser von Freiwilligen aus der Ferne steuerte. Die italienische Künstlerin Elise Giardina Papa hat für US-Firmen als „Datenreinigerin“ gearbeitet. Dabei musste sie Gesichtsausdrücke Gefühlen zuordnen. Die Daten, die sie erzeugte, dienten zur Animation von 3D-Figuren, so dass ein Comic-Krokodil traurig blickt und ein Oktopus lacht.

Harmlos sind solche Animationen nicht. Bei Mushon Zer-Avivs Installation „Normalizi.ng“ lernt ein Programm, wie ein Mensch „normaler“ aussieht. Es basiert auf Arbeiten zur Klassifizierung des menschlichen Gesichts von Alphonse Bertillon, der im 19. Jahrhundert unter anderem das Fahndungsfoto erfand. Die Nazis missbrauchten das System später, um Menschen zu kriminalisieren. In der Installation können Besucher ein Selfie auf der Website hochladen und anschließend Aufnahmen anderer Teilnehmer bewerten. Auf dieser Datenbasis ordnet das Programm das Selfie in einer Normalitäts-Karte ein. Anna Engelhardt zeichnet in „Death Under Computation“ (2022) militärische Einsatzmöglichkeiten der Kybernetik nach, wie sie Russland im Kalten Krieg entwickelte. Über der Bildtapete schwebt das Hologramm einer frühen Drohne.

So umkreist die Schau Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren der Künstlichen Intelligenz. In Lauren Hurets Video „Ways Of Nonseeing“ tauschen eine Museumsbesucherin und die Kunstwerke ihre Gesichter. Jake Elwes belebt in der „Zizi Show“ virtuelle Drag-Queens.

Bis 31.7., di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0231/ 1373 2155, www.hmkv.de

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