„Horror and Delight“: William Turner in Münster

Brillante Unschärfen: William Turners „Südliche Landschaft mit Aquädukt und Wasserfall“ (1828), zu sehen in Münster. Foto: Tate Gallery

Münster – Golden schimmert die „südliche Landschaft mit einem Aquädukt und Wasserfall“. Ein Dunst scheint über den Hügeln zu liegen und lässt den Betrachter Weite spüren. In den Vordergrund dieses um 1828 entstandenen Gemäldes setzte William Turner einen wuchtigen dunklen Baum mit gestutzter Krone als Blickfang. Der Mensch ist in diesem Bild nicht sichtbar, aber gegenwärtig.

Turner bildet hier Natur nicht ab, aber er lässt sie den Betrachter spüren. Er erzielt diese Wirkung durch den meisterlichen Einsatz von Licht und Farbe. Die Details verschwimmen, man sieht die Welt wie ein Kurzsichtiger, der seine Brille nicht aufsetzt. Und doch ist hier Präsenz, alles strahlt, vibriert, als sei die Landschaft aufgeladen mit Energie.

Zu sehen ist das Bild im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster. Es zeigt von Freitag an die Ausstellung „Turner – Horror and Delight“. Fast 20 Jahre nach der großen Retrospektive im Essener Museum Folkwang kann man nun wieder das singuläre Werk des Künstlers studieren, der die moderne Landschaftsmalerei sozusagen erfunden hat. Möglich macht es die Kooperation mit der Londoner Tate Gallery, die den Nachlass Turners besitzt, 380 Gemälde, 30 000 Arbeiten auf Papier, 280 Skizzenbücher. In Münster sieht man rund 80 Werke, darunter etwa 30 Gemälde. Rund 30 Werke von Vorgängern und Zeitgenossen ermöglichen zudem Vergleiche: Man kann erkennen, wo Turner innovativ war.

Der Titel „Schrecken und Entzücken“ trifft die Spanne der Gefühle, die dieses Werk bietet und die es schon früh populär machte. Turner war der Maler der Seekatastrophen, der Stürme, der vernichtenden Lawinen in den Alpen. Das Publikum der Romantik ergötzte sich an den Naturgewalten, die Künstler in die Salons brachten.

Joseph Mallord William Turner (1775–1851) machte eine unglaubliche Karriere. Der Sohn eines Londoner Barbiers startete als Wunderkind, dessen Zeichnungenschon der Vater verkaufte. Er studierte mit 14 an der Royal Academy. Im April 1796 wurde sein erstes Ölbild ausgestellt, „Fishermen at Sea“. Man sieht das Nachtstück in Münster. Eindrucksvoll schildert der 20-Jährige das kleine Boot im Schein des Vollmonds, ausgeliefert der Gewalt der Elemente. 1802 wurde Turner Vollmitglied der Royal Academy und durfte Bilder ausstellen, ohne sie der Jury vorstellen zu müssen. 1804 eröffnete er eine eigene Galerie. 1808 übernahm er eine Professur für Perspektive. Viele Vorlesungen hielt er nicht. Dafür bereiste er Europa, hauptsächlich die Schweizer Alpen, die er zu Hauptdarstellern vieler Gemälde machte, und Italien. Bei seinem Tod war Turner Millionär. Er vererbte seine Bilder dem britischen Staat – und stellte dabei die Bedingung, dass ihm eine eigene Galerie errichtet wird. Auch damit sicherte er sich seinen Nachruhm.

In Münster bekommt der Besucher einen sehr stringent inszenierten Querschnitt durch das Werk, der einerseits grob chronologisch angeordnet ist, andererseits aber in jedem Saal einen eigenen thematischen Akzent setzt. Die Akademien maßen der Landschaft bis tief ins 19. Jahrhundert keinen Eigenwert bei. Zwar waren zum Beispiel die niederländischen Barockmeister mit ihren Landschaften populär. Aber in der „offiziellen“ Hierarchie brauchten Landschaften oft eine Rechtfertigung, zum Beispiel indem man biblische oder mythische Szenen darin ansiedelte. Auch einige Werke Turners funktionieren so. Eine Darstellung des Tivoli bei Rom macht er zum Historiengemälde, indem er klein Tobias und den Engel in den Vordergrund setzt. Die Figuren, klein und fast geisterhaft unscharf, kann man leicht übersehen in der dramatischen Inszenierung aus Bergen, Wasserfall, Bäumen und warmen Goldtönen.

Aber schon in den Bildern aus dem Gebirge verzichtet Turner auf Menschen. Um 1810 malte er eine Lawine, die 1808 in Graubünden 25 Tote gefordert hatte. Er hat die Katastrophe nicht erlebt, aber er zeigt die massive Schneewoge, stürzende Felsen unmittelbar, wie ein Augenzeuge. Die Unschärfen geben seiner Darstellung eine Dynamik, die Zeitgenossen nicht erreichen. Alexandre Calames „Wetterhorn“ (1850) zeigt die Berge plastischer, erkennbarer. Aber neben Turners Bildern, in denen sich oft nur Details aus Farbflächen schälen, sehen sie aus wie Modelllandschaften, nachgebaut und künstlich. Turner war unvergleichlich darin, Atmosphäre zu schaffen. Der Schrecken, den die Natur für den Bürger des 19. Jahrhunderts noch besaß, ging in seine Bilder ebenso ein wie das Erhabene. Man muss diese Bilder lange anschauen, und vor allem im Original, um ihre Wirkung aufzunehmen. Die theatralische Inszenierung in dem Blick auf die Seufzerbrücke in Venedig (1840) zum Beispiel. Und daneben der Blick auf „Maria della Salute“ (1844), bei dem er die Skyline stellenweise in Dunst und flirrendem Licht auflöst. Oder die Wirbel aus Sturm, Wogen, Rauch in seinen so modernen Meeresbildern. 1842 malt er ein Dampfschiff im Schneesturm so und setzt in den Titel, dass er in jener Nacht an Bord der „Ariel“ war. Ein Beispiel seiner Marketingkunst, wahrscheinlich hat er das erfunden. Die rauschhafte Wirkung des Bilds ist von dieser Inszenierung unberührt.

Turner experimentierte, malte mit dem Pinselstiel, dem Finger, ritzte und wischte. Sein Spätwerk war unter Zeitgenossen umstritten. Da löste er sich oft ganz vom Gegenstand. Bilder wie „Seascape with Distant Coast“ (um 1840), „Rough Sea“ (1840-45), aber auch seine Visionen der Sintflut (1843) erscheinen als reine Farbmalerei, in denen der Gegenstand kaum noch auszumachen ist. Als Schmierereien eines alten Mannes wurden solche Bilder geschmäht. Heute erkennt man ihre Kraft, die große Kunst, mit Farbe Licht, Energie, Stimmung darzustellen.

Eröffnung 7.11., 19 Uhr, 8.11.–26.1.2020, di – do 9 – 18, fr – so 10 – 20 Uhr, Tel. 0251/ 5907 201, www.turner2019.de, Katalog, Sandstein Verlag, Dresden, 27 Euro

Quelle: wa.de

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