Hornbys „Nipple Jesus“ am Westfälischen Landestheater

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Ein schwieriges Bild braucht einen echten Kerl als Aufpasser: Guido Thurk in „Nipple Jesus“. ▪

Von Carmen Möller-Sendler ▪ CASTROP-RAUXEL–Nein, damit hätte Dave nun wirklich nicht gerechnet. Weil der Job als Türsteher auf Dauer zu gefährlich ist für einen Familienvater wie ihn, hat er als Wachmann im Museum angeheuert. Dort bekommt er diesen Spezialauftrag: ein Bild zu bewachen, das sie mit einem Vorhang verhüllt und einem Warnschild versehen haben, dass man es sich nicht ansehen soll, wenn man um seine moralischen und religiösen Gefühle fürchtet.

Dabei ist das Bild gar nicht schlecht. Aber diesem Jesus sieht man an, wie er leidet. „Ich dachte erst, es ist ein gutes Bild, weil es einen zum Nachdenken bringt. Ja, ich denk‘ nicht so oft über sowas nach!“ Erst im Näherkommen merkt er, dass es aus vielen kleinen Bildern zusammengesetzt ist – alles Brustwarzen, die die Künstlerin für ihren „Nipple Jesus“ aus Pornoheften ausgeschnitten hat, wie Dave mit Kennerblick feststellt. „Ein hässliches Bild. Ich hoffte, dass es jemand kaputt macht. Ein Jesus aus Nippeln! Mann, das ist doch nicht in Ordnung!“

Was passiert, wenn ein Kunst-Ignorant plötzlich dafür zuständig ist, ein provokatives Kunstwerk zu bewachen – noch dazu eines, dessen Urheberin eine niedliche 30-Jährige mit richtig netten Eltern ist? Das zeigt Nick Hornby im Einpersonenstück „Nipple Jesus“ mit dieser Mischung aus unvermittelten Weisheiten und banalen Belanglosigkeiten, die seine Figuren so lebendig und unwiderstehlich menschlich macht. Was er als Bewacher des umstrittenen Werkes erlebt, das lässt der Pop-Literat („About a boy“) seinen frisch entflammten Kunstliebhaber so anschaulich schildern, dass man jede Regung nachvollziehen kann.

Guido Thurk, der in der unterhaltsamen Inszenierung von Ralf Ebeling am Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel mit Nackenzöpfchen und stacheligem Tattoo am Hals den Dave gibt, gestaltet den fast anderthalbstündigen Monolog zwischen den Kunstwerken so lebendig, dass man meint, man hätte in dieser Zeit ein Dutzend Personen auf der Bühne erlebt anstatt nur einer. Wenn er mit aufsässiger Stimme von seinen Handgreiflichkeiten als Türsteher erzählt und davon, wie er dem hochnäsigen TV-Interviewer „seiner“ Künstlerin Martha gezeigt hat, wo‘s langgeht, und dabei so treuherzig und mit schiefem, entschuldigendem Grinsen unter seiner Wachmannmütze hervorschielt. Wenn er unversehens ins Schwärmen gerät von dem Bild, zu dessen persönlichem Beschützer er sich aufschwang, das er jetzt aber doch nicht mehr zu bewachen hat. Man hat es ihm weggenommen, weil... nun, das ist der Grund, warum Dave jetzt sauer ist auf Martha und traurig.

14., 15., 16. und 17. April,

Tel. 02305/ 97 800, www. westfaelisches -landestheater.de

Quelle: wa.de

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