Hokusai-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Berlin

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Weltberühmt: Hokusais Meisterwerk „Die große Welle vor der Küste bei Kanagawa“, zu sehen in Berlin. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BERLIN–Hoch schwappt sie, fast bis an den oberen Bildrand, die „Große Welle“ von Hokusai. Wie verloren wirken in der mächtigen Naturgeste die Frachtboote, die man erst beim zweiten Blick überhaupt wahrnimmt. Das blauschwarze Wasser mit der schäumenden Gischt überragt sogar den Vulkan, dem der Künstler seine Serie widmete, die „36 Ansichten des Berges Fuji“. Auf den schneegekrönten, markanten Gipfel läuft ja trotzdem der Blick des Betrachters zu, sorgsam geleitet durch die Spiralbewegung des aufgepeitschten Meeres.

Das meisterliche Blatt, um 1831 entstanden, ist wohl der berühmteste japanische Holzschnitt. Umso erstaunlicher, dass es noch keine umfassende Werkschau des Meisters in Deutschland gab. Bis jetzt. Der Martin-Gropius-Bau in Berlin zeigt in herrlicher Überfülle nicht nur die bedeutenden Serien von Hokusai (1760– 1849), sondern auch Zeichnungen, Skizzen, die berühmten Manga-Bücher und die Rollbilder. Mehr als 440 Exponate sind zu erkunden. In ihnen entdeckt man einen Meister, der sich schon vor 200 Jahren der Globalisierung stellte, überaus produktiv bis ins hohe Alter blieb und dabei stets aufgeschlossen für Neuerungen.

Hokusai, geboren in Edo (dem heutigen Tokio), hat im Laufe seines langen Lebens mehrmals den Künstlernamen gewechselt. Vieles in seiner Biografie ist unsicher. Er lernte bei einem der führenden Holzschneider von Schauspielerporträts und veröffentlichte 1779 erste Blätter unter dem eigenen Künstlernamen Shunrô. In dem Fach brillierte er, den ukiyo-e, den Bildern der fließenden Welt, wie die flüchtigen Vergnügen der Kurtisanen und Schauspieler in Japan hießen. Einige der frühen Blätter sind ausgestellt, bekannte Schauspieler in Frauenrollen.

Immer stellte Hokusai sich seiner Umgebung, zeichnet spielende Kinder, Kurtisanen, Vorstellungen in Theatern, Volksvergnügen wie den „Spatzentanz“, ganze Stadtviertel wie beim „Feuerwerk an der Ryôgoku-Brücke“ (zwischen 1781 und 1789). Er muss sich auf einem florierenden Markt behaupten. Japan profitiert im 18. Jahrhundert vom Handel mit Europa, Edo ist eine der reichsten Städte der Welt. Hokusai reagiert darauf mit seinen „Perspektivbildern“, in denen er die in der europäischen Kunst entwickelte Zentralperspektive anwendet. Auf der Schutzhülle einer Holzschnittfolge zeigt er ein holländisches Mikroskop, als Signet für die Weltläufigkeit seiner Arbeiten.

Er zeigt sich vielen Anforderungen gewachsen, und so sieht man aus seiner Hand nicht nur dramatische Theaterskizzen und mythologische Darstellungen, Alltagsszenen und feine Stillleben. Er entwirft auch Spielkartensätze und Bastelbögen, große Raritäten, weil diese Arbeiten naturgemäß nicht aufbewahrt, sondern verbraucht wurden. Er illustrierte Gedichte und populäre Erzählungen, er schuf seine Serien mit Ansichten bekannter Orte – Reisejournalismus. Er entwarf Landkarten von japanischen Regionen, aber auch von China, auf denen Sehenswürdigkeiten verzeichnet sind.

Und das alles gelang ihm in bewundernswerter künstlerischer Qualität, die seine Blätter zu Vorbildern für die europäische Moderne werden ließen. Der Besucher durchwandert diese Bildwelten und ist hingerissen. Da sind die zarten Tuschstillleben wie „Bambus und Windenblüten“ (zwischen 1807 und 1813), gemalte Naturgedichte. Da sind ebenso freche Karikaturen und schräge Humoresken wie der „Furz“ (1839), das Bild eines Mannes, der mit Darmwinden eine Kerze auslöschen will. Ein Schädel (1831/32) zeugt von groteskem Humor. Und immer wieder schwelgen seine farbenprächtigen Holzschnitte in der Schönheit japanischer Landschaften, beobachtet mit genauem Blick, festgehalten mit feinem Realismus. Dabei bleibt er offen für Neuerungen: 1848, in seinem letzten datierten Holzschnitt, zeigt er die Landvermessung.

Die sehenswerte Schau wird begleitet von einem Katalog mit Handbuchcharakter, der alle Exponate abbildet und in vier Essays Grundlegendes zu Hokusai vorträgt, zum Beispiel seine Wirkung auf die europäische Kunst des 19. Jahrhunderts untersucht. Neben einer Zeittafel, die Hokusais Biografie in der Geschichte verortet, ist auch ein Glossar zum japanischen Holzschnitt hifreich.

Hokusai im Martin-Gropius-Bau Berlin. Bis 24.10., mi – mo 10 – 20 Uhr, Tel. 030 / 254 860,

http://www.gropiusbau.de

Katalog 22 Euro, im Buchhandel  Nicolai Verlag, Berlin , 39,95 Euro

Quelle: wa.de

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