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„Double Murder“ choreografiert die Hofesh Shechter Company in Recklinghausen

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Von: Achim Lettmann

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Hofesh Shechter mit seiner Company „Double Murder“ bei den Ruhrfestspielen
In Formation tanzt Hofesh Shechter mit seiner Company „Double Murder“ bei den Ruhrfestspielen. © macdonald

Hofesh Shechter aus Israel zählt zu den Tanzerneuerern unserer Zeit. Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zeigt er zwei Choreografien: „Double Murder“.

Recklinghausen – Wenn ein schmissiger Rhythmus für rauschhafte Feste steht, dann ist es die Cancan-Melodie von Jacques Offenbach. In seiner Operette „Orpheus in der Unterwelt“ (1858) werfen Tänzerinnen ihre Beine – wohin auch immer. In Recklinghausen stimmt der Choreograf Hofesh Shechter das Publikum der Ruhrfestspiele mit diesem Klassiker zu „Double Murder“ ein. Statt sich im Gleichschritt unterzuhaken, stellt sich sein Ensemble allerdings mit fließenden Bewegungen und harmonischem Gruppentanz vor. „Clowns“ nennt Shechter seine erste Tanzarbeit, die ein dunkler Kommentar zur Gleichgültigkeit über wachsende Gewalt in unserer Gesellschaft sein soll. Schnell schlägt der Soundtrack (Hofesh Shechter) in eine rhythmische Woge aus Trommeln, Bassbeats und Dröhnlauten um. Ohrstöpsel gab es am Eingang zum großen Saal. Shechter (Israel), der 2008 in London seine Company gründete und zu den gefragten Tanzerneuerern unserer Zeit zählt, bindet sein diverses Ensemble in eine Dramaturgie wiederkehrender Tanzbilder. Tradierte Schritte folkloristischer Gruppentänze wechseln mit ausladenden Sprüngen und aktionistischen Bewegungen. Plötzlich werden im geschäftigen Bühnentreiben abrupt Menschen hinterrücks ermordet. Die Kehlschnitte wirken choreografisch fast elegant, während Stoß- und Schuss-Gebärden den Opfern mehr Schmerzschauspiel abverlangen – wie einst im Kinderspiel. So kommt die Choreografie in ihrer Dramatik über Cowboy und Indianer auch nicht hinaus. Selbst wenn mit Licht (Lee Curan/Richard Godin) und Nebel düstere Szenarien arrangiert werden. Weiß-beige Leinenhosen und kurze Blusen imitieren einen Natural-Style (Design Christina Cunningham). Vielleicht vom Kolonialismus inspiriert, als systematisch gemordet wurde, um wirtschaftlichen Profit zu maximieren.

Für Ausgleich soll der zweite Teil sorgen. „The Fix“ lässt den Tanz des Tötens vergessen. Aber wieder arbeitet das Ensemble gegen diese dröhnende Geräuschkulisse an. Diesmal allerdings finden sich die Menschen, umarmen sich, erkennen einander, bilden Gruppen, die den Außenseiter mitnehmen und kollektives Leben für sich entdecken. Die Hoffnung erhält zu einem Gitarren-Intro auch eine musikalische Entsprechung. Und am Ende gehen Tänzerinnen und Tänzer von der Bühne aufs Publikum zu, um zu umarmen – mit Maske versteht sich. Viele Fans haben es gemocht.

Hofesh Shechter Company tritt im Kölner Depot 1 auf: 3., 4., 5. Juni; Tel. 0221/221 28 400; www.tanz.koeln

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