2500 Jahre Montan-Geschichte

Hoesch-Museum zeigt die Ausstellung „EisenWasserLand“ über Stahlproduktion im Siegerland

Altes Siegerländer Hammerwerk Reckhammer
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Altes Siegerländer Hammerwerk Reckhammer. Zu sehen in der Ausstellung im Hoesch-Museum Dortmund.

Im Hoesch-Museum Dortmund thematisiert die Wanderausstellung „EisenWasserLand“ die 2500-jährige Montan-Geschichte des Siegerlands

Dortmund – Bröckeliges Gestein liegt in einer Vitrine des Dortmunder Hoesch-Museums. So unscheinbar das Siegerländer Erz auch aussieht, so bedeutend war es für die Eisen- und Stahlindustrie Deutschlands. Vor 2500 Jahren kamen keltische Eisensucher in die Region, wo sie manganreiche Erzvorkommen fanden, die schwefel- und phosphorarm waren. Eine Voraussetzung für bruchsichere Werkzeuge und Waffenstahl. Solche Qualitäten fanden sich nur noch im spanischen Toledo und ostalpinen Noricum. Die Kelten handelten ihre Ware mit Griechen, die in vorchristlicher Zeit einen Stützpunkt bei Marseille (Masallia) hatten.

Im Hoesch-Museum wird die ganze Historie erzählt. „EisenWasserLand. 2500 Jahre Geschichte von Eisen und Stahl im Siegerland“ heißt eine Wanderausstellung, die in Dortmund zusätzlich Objekte und Exponate präsentiert. In weiteren Stationen werden sie fehlen.

Wie bedeutend die Eisenproduktion im Siegerland war, belegen auch die Deutschen Reichskleinodien, die die Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation trugen: Reichsapfel, -schwert und heilige Lanze. Nachweislich sei die Lanzenspitze im Siegerland geschmiedet worden, sagt Isolde Parussel, Leiterin des Hoesch-Museums. Heute liegt der Schatz in der Wiener Hofburg.

Schwerpunkt der Schau ist historische Technik. Schon die Kelten nutzten Gebläseöfen. Um Hand- und Tretgebläse verbessert, entwickelte sich daraus der gemauerte Rennofen im frühen Mittelalter, aus dem das Erz-Schlacke-Gemisch über eine Rinne ausfloss. Bei Ausgrabungen waren Grubenmailer mit Holzkohle aus dem 6. Jahrhundert gefunden worden. Sie lassen den Schluss zu, dass im Siegerland kontinuierlich Metall mit Holzkohle produziert wurde – auch nach der Eisenzeit und den Kelten. Solche Details werden bildreich auf sieben Stellwänden (Roll-ups mit drei Seiten) präsentiert. Die Aufsteller sind mit Zeittafeln und allgemeinen Infos bis ins 18. Jahrhundert versehen. Im Hoeschmuseum werden die Überreste eines Rennofens gezeigt, der allerdings in Hemer ausgegraben wurde.

Kuratoren der Ausstellung sind Axel Ganseuer und Karl-Heinz Schäfer, ehemalige Mitarbeiter der thyssenkrupp Steel Europe. Der Stahlkonzern hat die Ausstellung ermöglicht und notiert damit auch einige Kapitel der eigenen Firmengeschichte. Die Montangeschichte in NRW ist ohne Fusionen nicht denkbar. Größe war in der Branche immer wichtig. Schon im Mittelalter führten Betriebe, die von Zünften geführt wurden, schneller technische Neuerungen ein, um ihre Produktivität zu steigern. Neben Pochwerken zur Aufbereitung von Erzen wurden im 14. Jahrhundert nach Blas- und Hammerhütten die ersten Hochöfen entwickelt. Ihre Kapazität ermöglichte Produkte wie Kanonen, Kugeln, Glocken und Ofenplatten – eine Vorstufe zur Industrialisierung. Auf Zeichnungen sind die Entwicklungsschritte festgehalten.

Heute stehen im Siegerländer Kreuztal die Produktionsstätten der Eisen- und Stahlindustrie in Eichen und Ferndorf. Beide kamen über die Hüttenwerke Siegerland AG 1951 zur Dortmund-Hörder Hüttenunion und wurden 1969 in die Hoesch-Siegerland AG umgewandelt. Sie beschichten heute Produkte aus Flachstahl. Beispielsweise die „Weiße Ware“, also Wasch- und Geschirrspülmaschinen, die für den asiatischen Markt aufwendig mit Farbstrukturen beschichtet werden. Hierzulande hat sich diese Optik noch nicht durchgesetzt. In Dortmund ist so eine schillernde Waschmaschine ausgestellt.

Im 19. Jahrhundert setzte sich das Siegerland gegenüber der Metallproduktion im Sauerland durch. Die Luisenhütte von 1758 in Balve-Wocklum war nach mehreren Erweiterungen bereits 1865 geschlossen worden. Obwohl das Eisen von hoher Qualität im Hochofen mit Holzkohle produziert wurde, konnte die Luisenhütte bei der Modernisierung nicht Schritt halten. Zum einen waren die Hütten im Ruhrgebiet mit ihren Kohle- und Koks-Hochöfen leistungsfähiger. Und zum anderen wurde 1861 die Eisenbahnstrecke Ruhr-Sieg freigegeben. Das Siegerland war damit ans Ruhrgebiet angebunden. Kohle und Koks wurden geordert. Puddelwerke lieferten schon vorher Rohstahl für die Drahtwalzwerke im Kreuztal. Nun wurden auch Stahlprodukte über die Schiene vertrieben. In Preußen hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Verkehrswesen die Wirtschaft entscheidend fördern kann. Die Hochindustrialisierung fand auch im Siegerland statt.

In Dortmund gründeten am 1. 9. 1871 Leopold Hoesch mit fünf Familien aus Düren die Westfalenhütte. Die Expansion der Unternehmer, die bisher mit Eisenverarbeitung ihr Geld verdient hatten, folgte dem Boom der Hüttenwerke im Ruhrgebiet. Und weil über den Dortmunder Hafen ab 1899 schwedisches Erz bezogen werden konnte, erreichte das Roheisen von Hoesch auch bald „englische Qualität“. Dagegen stand das Siegerländer Erz zurück.

Die Ausstellung verfolgt weniger soziale Auswirkungen der Industrialisierung im Siegerland. Neben technischen Entwicklungen gibt es einzelne Themen wie die Haubergwirtschaft oder den Aufstieg von Friedrich Flick. Flick zählte 1915 zum Vorstand der Charlottenhütte. Er startete seine Karriere im Siegerland. Der Rüstungsunternehmer war nach dem 2. Weltkrieg als Kriegsverbrecher verurteilt worden.

Die Charlottenhütte expandiert bis Anfang der 1930er Jahre. Ab 1936 wurde im Siegerland auf Kriegswirtschaft umgestellt. Die Ausstellung zeigt Beispiele aus dem Briefverkehr der Hütte. Das Werk forderte 1942/43 Arbeiter an, um die erwartete Menge an Stahl (1000 Tonnen für Granaten) auch produzieren zu können. Bereits 1940 fehlten dem Werk Arbeitskräfte. Zwangsarbeiter wurde verpflichtet – in allen Industriezweigen. Die Unterlagen dazu kommen aus dem Konzernarchiv. 1969 waren die Hüttenwerke Siegerland in die Hoesch Siegerland AG aufgegangen. Nach dem 2. Weltkrieg wurden vor allem Eisen- und Stahlprodukte im Siegerland verarbeitet und veredelt. Verzinkung gab es dort bereits seit 1840/50. Im Hoesch-Museum sind aus der Produktpalette der 1950er Jahre Lüftungsgitter, Kuchenformen, Heizplatten für Kaffeemaschinen, Gardinenstann und ein Schutzschild für Bremsscheiben zu sehen.

Die Erzproduktion des Siegerlands endete nach 2500 Jahren, als 1965 zwei Erzgruben in Biersdorf geschlossen wurden. Die Ausstellung „EisenWasserLand“, die vor allem Industrie- und Technikgeschichte publik macht, liefert indirekt einen Ausblick auf die NRW-Montanindustrie. In Dortmund werden derzeit Duisburger Stahlcoils (Wickel aus Blechband) bearbeitet. Im Oktober soll eine neue Bandbeschichtungsanlage anfahren. 1500 Menschen sind bei thyssenkrupp Steel Europe in Dortmund beschäftigt.

Bis 12. 9.; di, mi 13 – 17 Uhr, do 9 – 17 Uhr, so 10 – 17 Uhr. Tel. 0231/844 58 56;

Katalog kostenlos;

www.hoeschmuseum.

dortmund.de

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