Die Jazz Animals feiern 80 Jahre Blue Note Records

Der französische Saxofonist Émile Parisien hat die Hommage an das Label Blue Note kuratiert. Foto: Francis Vernet/Act Music

Dortmund – Schon bei „Blue Train“ fühlt sich der Jazzfan wie auf einer Zeitreise. Wie Émile Parisien am Saxofon, Theo Croker an der Trompete und Glenn Ferris an der Posaune den Blues von John Coltrane harmonisch auffächern. Wie Joe Martin das Ganze mit einem fein swingenden Bass trägt. Wie Schlagzeuger Gerald Cleaver mit kleinen Akzenten auf der Snare-Kante oder Zwischenschlägen auf dem Becken aufraut. Wie Pianist Yaron Herman Akkorde gegen den Grundrhythmus setzt. Das fühlt sich an wie im goldenen Zeitalter des Hardbop, an der Schwelle der 1950er zu den 1960er Jahren.

Und genau das war ja der Plan von Siggi Loch, dem Inhaber der Plattenfirma Act, der eine lange Geschichte im Musikbusiness hat. Kein Musiker betritt an dem Abend als erstes die Bühne im Konzerthaus Dortmund, sondern Loch. Und er hat jene EP von Sidney Bechet mitgebracht, die ihn Mitte der 1950er zum Jazz brachte. Sie kam von Blue Note Records, dem wohl wirkmächtigsten und folgenreichsten Plattenlabel der Jazzgeschichte. Gegründet wurde es 1939 von zwei deutschen Emigranten, die vor den Nazis nach New York geflüchtet waren, Alfred Lion und Francis Wolff. Zwischen 1955 und 1966 (da wurde die Firma zum ersten Mal verkauft) brachten sie rund 400 Alben heraus. Praktisch jedes davon wurde ein Klassiker. Loch hat zum 80. Geburtstag nun eine Würdigung organisiert mit dem jungen französischen Saxofonisten Parisien als Kurator. Der Titel: „It must schwing“, das forderte Lion, der seinen deutschen Akzent nie ablegte, von seinen Musikern.

In Dortmund schwingte es heftig. Es war der Beginn zu einer 14-tägigen Tournee, die nach Stationen u.a. in Hamburg, Berlin, München in London enden wird.

Den Auftakt gestaltete der Pianist Axel Zwingenberger mit einer Hommage an Albert Ammons, Meade Lux Lewis und Pete Johnson. Die ersten Aufnahmen bei Blue Note waren dem Boogie Woogie gewidmet. Der erste Hit des Labels war „Summertime“ in einer Version von Sidney Bechet. In Dortmund übernahm Parisien den Part am Sopransaxofon.

Er moderierte dann auch, schüchtern, nervös, leise. Er ließ lieber die Musik sprechen. Gut anderthalb Stunden schwelgten die sechs großartigen Musiker, die sich zu den „Jazz Animals“ zusammen getan hatten, im ikonischen Repertoire von Blue Note. Da gab es ein hinreißendes Medley mit Kompositionen von Thelonious Monk. In einer ausschweifenden Fassung von „A Night in Tunisia“, für Blue Note von Art Blakey mit den Jazz Messengers eingespielt, begeistern die Jazz Animals mit Tempowechseln und einem dynamischen Schlagzeugsolo, bei dem Cleaver das Formrepertoire der großen Drummer der Hardbop-Epoche einsetzt.

Parisien und Croker machen auf ihren eigenen Alben sehr heutige Musik. Bei diesem Nostalgie-Projekt zeigen sie, wie gut sie sich in der Tradition auskennen (wobei Parisien schon mehrfach Bechet-Stücke interpretiert hat). Bei Wayne Shorters Stück „Footprints“ setzen sie modernere Spielweisen ein. Herman etwa dämpft die Pianosaiten, und bei den Soli setzen sie einen flüssigen Groove der Post-Fusion-Ära ein. Etwas mehr Mut, etwas mehr Freiheit mit dem Material hätte nicht geschadet. Aber warum soll es nicht auch beim Jazz Werktreue geben?

Die Verbeugung vor den Großen war angesagt. Einer von ihnen schaut persönlich vorbei, der 90-jährige Saxofonist Benny Golson, wird gefeiert. Er sitzt vor dem Mikro, aber sein Spiel hat immer noch Autorität. Als er unbegleitet die Ballade „I Remember Clifford“ anstimmt, die große Trauermusik auf den Trompeter Clifford Brown, rührt er wohl jeden im Konzerthaus. Es folgen seine Hits „Killer Joe“ und „Blues March“, und ihm gefällt sichtlich, was die jungen Kollegen aus den Klassikern machen, die er schrieb.

Vielleicht bringt Loch das Programm auf Platte heraus. „Mal sehen“, sagt er. Aufgenommen wird jedenfalls. Und das Publikum in Dortmund applaudierte stehend.

Quelle: wa.de

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