Hélène Grimaud und die Bamberger Symphonikern in Essens Philharmonie

Die Pianistin Hélène Grimaud. Foto: hennek mat

Essen – In eigenwillige Klangwelten führte das Gastspiel der Bamberger Symphoniker unter Jakub Hrusa mit der „Wolfspianistin“ Hélène Grimaud in der Philharmonie Essen. Es koppelte ein versponnenes G-Dur-Klavierkonzert von Ravel mit einer 4. Sinfonie von Mahler, die zumindest zwiespältige Eindrücke hinterließ.

Die inzwischen 50-jährige Französin pflegt konsequent einen eigenwilligen Ansatz. Auch hier: Den jazzigen, in seiner schroffen Urbanität Richtung Gershwin tendierenden ersten Satz des Ravel-Konzerts spielt sie in sich gekehrt, versponnen in verträumte Gedanken an. Damit verfolgt sie eine grundlegend andere Idee als Hrusa, der auf die eingängigen Kontraste und jazzigen Akzente setzt. Wo das Klavier die Stimmung vorgibt, entstand eine eigenartige, impressionistische Stimmung. Das lange Solo, mit dem der zweite Satz beginnt, erhält eine eigenartige Schroffheit, indem Grimaud die Walzerbegleitung uhrwerkhaft betont, staccato bis fast zum Stocken. Flöte und Streicher müssen den Klavierpart auffangen und tun das eigentlich viel zu lieblich. Wieder kollidieren die musikalischen Vorstellungen. Der Satz löst sich dann in Wohlklang auf. Auch die spritzige Lustigkeit des Finales stellt keine Einheit zwischen Solistin und Orchester her.

Mahlers 4. Sinfonie irritiert, weil Hrusa um sämtliche Hörerwartungen herumdirigiert. Allerdings gelingt es ihm nicht, zu einem überzeugenden alternativen Konzept zu finden. Der erste Satz beginnt, als würden kleine Püppchen ein elegantes kleines Menuett tanzen, geziemend artig. Die Tanzerei wird etwas saftiger, kehrt aber immer schnell zur eleganten Geste zurück. Schellen klopfen, ein bisschen Hexensabbat schimmert auf. Was wird das: ein Vexierspiel zwischen Ironie und Sehnsuchtsseligkeit? Leider nein. Denn es fehlt das, was der Hörer bei Mahler erwartet. Das schillernde, umaufgelöste und weltgedankenschwere Schwanken zwischen diesseitiger Lebensfreude und Sehnsucht nach paradiesischer Erlösung fällt aus. Keine große Geste, kein weit angelegtes Schwelgen. Auch der große, weltumarmende, sich verschwendende Jubel im dritten Satz fehlt.

Aber auch ein analytischer Mahler gelingt Hrusa nicht. Der Totentanz des zweiten Satzes bleibt gezügelt. Die erste Geige, die eigentlich attacca spielen sollte, klingt eher gläsern-behutsam. Als müsse alles kontrolliert bleiben. Die Ideen wechseln, doch entsteht keine schlüssige Erzählung. Die Musik entwickelt sich nicht, sondern fasert aus. Die Effekte bleiben Effekte, auch wenn mal ein paar Walzertakte golden dahingeschlenzt werden. Danach spielen die ersten Geigen ein paar Takte wie durch eine Glasröhre: körperlos und hohl. Aber warum? Welche Idee liegt dem zugrunde? Das wird nicht klar. So bleibt es beim Klangeffekt um des Klangs willen.

Auch das Finale mit dem Lied „Wir genießen die himmlischen Freuden“ aus „Des Knaben Wunderhorn“ bleibt auffallend artig. Katerina Knezikova singt mädchenhaft, sogar kokett, den Schluss dann schwärmerisch. Die Nuancenvielfalt, die Beherrschung von Ausdrucksformen, die hier eigentlich gefragt wäre, sucht man vergebens. Als käme bei Mahler nie ein Zwiespalt vor. Das ist eine Behauptung, die Hrusa nicht zu belegen vermag.

Edda Breski

Quelle: wa.de

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