„Hitlers erster Krieg“: Thomas Weber entkräftet einen Mythos

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Der Gefreite vor dem Kriegshelden: Reichskanzler Adolf Hitler begrüßt 1933 Reichspräsident von Hindenburg. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ Viele misstrauten ihm, und die meisten Deutschen hatten Adolf Hitler am 5. März 1933 auch nicht gewählt. Aber jetzt diese überraschende Geste, diese Demut des neuen Reichskanzlers: In respektvollem Abstand steht er vor Reichspräsident Paul von Hindenburg, deutet eine Verbeugung an. Hoch überragt der greise Weltkriegsheld in Offiziermantel und Pickelhaube den ehemaligen Gefreiten. Ein Propagandabild. Die Botschaft: Hitler ist gar nicht gefährlich.

Als einfacher, aber hoch dekorierter Frontsoldat sah Hitler sich am liebsten. Die Heldenpose legitimierte den Führer, und die Grundschul-Fibeln präsentieren ihn schon den Kindern als tapfersten aller Kämpfer und treuesten aller Kameraden. Stunden vor seinem Selbstmord diktierte Hitler am 29. April 1945 sein Testament: „Seit ich 1914 als Freiwilliger meine bescheidene Kraft im ersten, dem Reich aufgezwungenen Weltkrieg einsetzte...“

Der Historiker Thomas Weber hat diese Selbststilisierung untersucht: „Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wahrheit“. Eine quellenreiche Studie über die wohl am ausgiebigsten erforschte historische Figur, die tatsächlich neue Erkenntnisse zu bieten hat. Außerdem entwickelt Weber eine Kollektivbiografie zur politischen Kultur der Weimarer Republik. Die Demokratie, so sein Befund, hatte mehr Verteidiger, als es das plumpe Erklärungsmuster glauben macht, das vom Militarismus des Kaiserreichs über die angebliche Mordlust deutscher Weltkriegssoldaten zu verrohten Freikorpskämpfern und von da aus in den NS-Staat führt.

Die Forschung übernahm bislang Hitlers eigene Darstellung seines Kriegseinsatzes. In „Mein Kampf“ behauptete er, dass an der Westfront sein Hass auf Juden, Kommunisten und Demokraten begann – bis zu dem Entschluss, „Politiker zu werden“. Die „verschworene Kampfgemeinschaft“ im Schützengraben sei die Keimzelle der NS-Bewegung. Weber lässt von dieser Legende nicht viel übrig.

Der Historiker, der aus Hagen stammt und in Aberdeen lehrt, hat als Erster die Akten von Hitlers Weltkriegseinheit ausgewertet, des Bayerischen Reserve-Infanterieregiments 16. Dabei macht Weber Hitler nicht zum Feigling – immerhin wurde dieser zwei Mal verwundet. Stattdessen profiliert er einen Außenseiter, der es zum Meldegänger im Regimentsstab bringt. Er bleibt Gefreiter, um nicht durch eine Beförderung zwei, drei Kilometer nach vorn an die Front zu geraten. Weil die Offiziere seinen Diensteifer schätzen, sorgen sie für seine Dekorierung mit dem Eisernen Kreuz Erster Klasse.

Weber zitiert aus dem Brief eines Melder-Kameraden, der Hitler in gutmütigem Ton das Heldengetue ausreden will: „Adolf, wir können es nicht aus der Welt schaffen, dass wir eben Regimentsstabler waren. Der Begriff, dass keine Infanterie oder Maschinengewehrgeschoss eine Ordonnanz hätte treffen können, ist Ansicht dieser Leute, ohne dass sie es böse meinen, denn wer nicht im Graben lag, hat nach deren Meinung nichts geleistet.“

Nach 1933 zweifelt sowieso niemand mehr öffentlich an Hitlers Heldenmut; in der Weimarer Republik hatte er Zeitungen verklagt, die peinliche (und oft auch fehlerhafte) Berichte anonymer Kameraden brachten.

Unzutreffend ist, wie Weber zeigt, Hitlers Behauptung, der Nationalsozialismus sei seine Konsequenz der Kriegs – womit er seine „Weltanschauung“ gewissermaßen nachträglich panzerte. In Wirklichkeit war Hitler 1918 ein Mann ohne Heimat, Aussichten und Ansichten. Seine Kameraden kehrten heim zu ihren Familien und dockten dort wieder an, wo sie 1914 gestanden hatten: meist bei der katholischen Bayerische Volkspartei. Nationalsozialist wurde kaum einer. Stattdessen identifizierten sich die allermeisten mit der neuen Republik und lehnten die linksradikale bayerische Rätediktatur 1918/19 ab.

So eindeutig lässt sich Hitlers Haltung nicht bestimmen: Er heuert bei den neuen Machthabern an, lässt sich in den Soldatenrat wählen, ein Foto zeigt ihn bei der Beerdigung Kurt Eisners, des im Februar 1919 ermordeten Räterepublik-Präsidenten. Hitlers Nachkriegs-Opportunismus hat bereits sein Biograf Ian Kershaw dokumentiert. Aber Weber stellt den aufschlussreichen Kontrast zum Rest des Regiments her.

Thomas Weber: Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wahrheit, Propyläen, Berlin 2011, 592 S., 24,99 Euro

Quelle: wa.de

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