Historische Bücher: Peter Heathers „Invasion der Barbaren“ und Matthias Bechers „Chlowig I.“

Von Jörn Funke ▪ Die Goten folgten dem Lockruf des Goldes als erste. Im dritten Jahrhundert nach Christus machten sie sich auf den Weg, von der Oder zum Schwarzen Meer, in Richtung Reichtum. Den repräsentierte damals das Römische Reich, das wenig später unter der Wucht des Barbaren-Ansturms zusammenbrechen sollte. Zwei neue Studien zeigen jetzt, wie sich durch massenhafte Migration im ersten nachchristlichen Jahrtausend ein neues Europa herausbildete.

„Invasion der Barbaren“ heißt ein 670-Seiten-Werk, das der britische Historiker Peter Heather vorgelegt hat. Seine These ist so plakativ wie der Titel: Das Wohlstandsgefälle zwischen dem Imperium und den angrenzenden Territorien löste eine massenhafte Wanderungsbewegung aus. Kriegerverbände machten sich mit Familienanhang auf einen Weg, der von Gewalt geprägt war.

Heather hatte 2007 bereits eine Studie vom Untergang des Römischen Reiches vorgelegt, in der er sich dezidiert gegen die These wandte, der Übergang vom Imperium zu seinen Nachfolgereichen sei eine Art friedlicher Transformationsprozess gewesen. Auch sein neues Buch setzt hier an: Goten, Sueben und Wandalen, Angeln und Sachsen und auch die Slawen bahnten sich demnach ihren Weg mit Gefechten, Plünderungen und Vertreibungen; immer auf der Suche nach neuem Siedlungsraum und dauerhaftem Wohlstand.

Von einer „Völkerwanderung“ könne dabei keine Rede sein, so Heather. Es seien keine Völker, sondern Zweckgemeinschaften unterwegs gewesen. Eine gemeinsame Identität habe sich entgegen der vorherrschenden Forschungsmeinung nicht durch gemeinsame Traditionen, sondern durch den gemeinsamen Kampf, hauptsächlich gegen Rom, herausgebildet.

Mit einer der auffälligsten Gestalten der Epoche beschäftigt sich der Bonner Historiker Matthias Becher. Mit Chlodwig I. (um 465-511) entsteht das stabilste Staatengebilde der Übergangszeit zum Mittelalter in Westeuropa, das Frankenreich. Auch Chlodwigs Herrschaft ist von Gewalt geprägt; gleichzeitig hat er mit seinen Eroberungen und seiner katholischen Taufe einen guten Teil zum Gründungsmythos des christlichen Europas beigetragen.

In Frankreich wird Chlodwig heute noch als eine Art Gründungsvater der Nation angesehen, sein 1500. Todestag am 27. November wird entsprechend gewürdigt werden. Matthias Bechers Biografie fasst Leben und Bedeutung des Königs recht nüchtern zusammen; ihr Verdienst liegt eher darin, Chlodwig überhaupt wieder ins Gespräch zu bringen. Peter Heathers fulminant geschriebene Epochendarstellung bietet dagegen reichlich Gesprächsstoff für die europäische Geschichtsforschung.

Peter Heather: Invasion der Barbaren. Die Entstehung Europas im ersten Jahrtausend nach Christus. Klett-Cotta: Stuttgart 2011. 667 S., 39,95 Euro;

Matthias Becher: Chlodwig I. Der Aufstieg der Merowinger und das Ende der antiken Welt. C. H. Beck: München 2011. 330 S., 24,95 Euro.

Quelle: wa.de

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