Historiker Osterhammel und Iriye: Globale „Geschichte der Welt“

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Eine Bohrinsel brennt im Golf von Mexiko im Jahr 2010. Was sagt dieses Unglück über unsere globale Zeit?

Von Jörn Funke - Sind die Pelikane im Golf von Mexiko Teil der Weltgeschichte? Im beginnenden 21. Jahrhundert durchaus, als Leidtragende der großen Ölpest nach der Explosion der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ 2010. Die kostete auch elf Menschen das Leben, beschäftigte die Weltöffentlichkeit und gilt als Beispiel für die negativen Folgen des globalen Energiehungers.

Und so findet die Pelikanpopulation im Golf von Mexiko, die nach dem Unglück um 40 Prozent zurückging, Eingang in den sechsten Band einer umfassenden „Geschichte der Welt“, der sich mit der Globalisierung seit 1945 beschäftigt.

Die „Geschichte der Welt“ ist ein Mammutunternehmen, das der Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel und sein Harvard-Kollege Akria Iriye als Herausgeber vorantreiben. Die Geschichte der Menschheit soll dabei nicht aus nationaler oder westlicher Perspektive erzählt werden, sondern einem umfassend globalen Ansatz folgen. Politik- und Ideengeschichte, die vorherige Standardwerke der Weltgeschichte prägte, tritt dabei zugunsten von Wirtschafts- und Kulturgeschichte zurück. 2012 erschien der fünfte Band der Reihe über die Zeit von 1870 bis 1945. Nun folgt als zweites der sechste, der Schlussband der Reihe. Die ersten vier Bände sollen im Jahresabstand noch folgen.

In fünf Beiträgen des Schlussbands geht es um globale Kulturen und das Entstehen einer transnationalen Welt. Den konventionellste Artikel des Bandes liefert Wilfred Loth (Universität Duisburg-Essen), der die Stränge internationaler Politik seit Ende des Zweiten Weltkriegs zusammenfasst – Kalter Krieg, Dekolonialisierung, Europäische Einigung, Untergang des Ostblocks und eben Globalisierung. Thomas W. Zeiler (University of Colorado) widmet sich der Entwicklung der Weltwirtschaft unter dem Motto der geschlossenen und geöffneten Türen, die für globale Handelsbeziehungen stehen. Sein Paradebeispiel ist der Baseballspieler Hideo Nomo, der 1995 als Japaner nicht nur auf Punktejagd für die Los Angeles Dogders ging, sondern Baseball auch zu einem Phänomen in seinem Heimatland machte. „Der Sport“, schreibt Zeiler, „nutzte Marktmechanismen, die den globalen Handel beschleunigten (...) und kulturelle Konvergenz über Grenzen hinaus verstärkten.“

Akira Iriye spricht von einer Transnationalisierung der Menschheit, wenn er an das globale Gemeinschaftsgefühl anlässlich der ersten Mondlandung am 20. Juli 1969 erinnert – eines der ersten weltumspannenden Fernsehereignisse. Die Entwicklung laufe nicht gleichförmig, schreibt er: Europa habe durch die grässlichen Kriegserlebnisse nach 1945 zu einer gemeinsamen Erinnerungskultur gefunden, die ähnlich gebeutelten Staaten Asiens dagegen nicht. In anderen Bereichen zeige die Welt sich uniform: Der Wissenschaftler sieht die Globalisierung auch im Aufstieg der Bluejeans zur bevorzugten Alltagskleidung und in der Verwandlung einer moderaten westlichen Gegenkultur in den weltweiten Mainstream: „A Clockwork Orange“ und „Die Reifeprüfung“, die Beatles und die Rolling Stones waren weltweit erfolgreich. An eine kulturelle Einbahnstraße glaubt Iriye nicht – schließlich esse man im Westen inzwischen mit Begeisterung Sushi.

All das sind Ausprägungen der „globalen Zivilgesellschaft“, die sich Iriye zufolge einer exakten Definition entzieht, aber nahelegt, dass heutige Gesellschaften nicht mehr national geprägt sind, nicht nur im kulturellen und wirtschaftlichen Bereich, sondern über Nichtregierungsorganisationen und Staatenunionen auch in Politik und Verwaltung. Und das, so die unausgesprochene Grundannahme, muss als etwas Positives anerkannt werden. Viele Prozesse, die beschrieben werden, sind aufgrund ihrer zeitlichen Nähe längst nicht abgeschlossen. In der „Geschichte der Welt“ sind sie klug, anregend und verständlich dargestellt.

Das Buch

Nationale Geschichtsschreibung ist überwunden. Mit zahlreichen gut analysierten Beispielen wird die globale Ausrichtung unserer Welt historisch erläutert.

Geschichte der Welt. 1945 bis heute. Die globalisierte Welt. Hg. v. Akira Iriye. Verlag C. H. Beck: München 2013. 955 Seiten. 49,90 Euro.

Quelle: wa.de

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