Der Historiker David Gilmour sucht Italien

Von Jörn Funke Italien gibt es seit dem 17. März 1861. An jenem Tag wurde der italienische Nationalstaat gegründet, noch ohne die Hauptstadt Rom, die erst noch erobert werden musste. Die Initiative für die Nationalstaatsgründung kam aus dem Norden; der König von Piemont, Vittorio Emmanuele II., nahm die italienische Krone und ein Reich, das der Volksheld Guiseppe Garibaldi erobert hatte.

Die Einigung des Landes, das „Risorgimento“ ist in Italien bis heute mythenumwoben – und hat mit dem „echten Italien“ nichts zu tun, meint der britische Historiker David Gilmour. Er hat sich auf eine ebenso treffende wie unterhaltsame „Suche nach Italien“ gemacht.

Gilmour ist ein leidenschaftlicher Bewunderer Italiens und bereist das Land seit 35 Jahren. Er kann sich für die Kunstwerke Florenz‘, die Geschichte Venedigs und die neapolitanische Küche begeistern. Gleichzeitig ist er entsetzt von korrupten Politikern, Mafia-Morden und dem unfassbar flachen Fernsehprogramm. Zu den vorbildlich erhaltenen und sehr lebendigen Altstädten gehören in Italien die gnadenlos verbauten Vororte. Gilmours Buch ist durchsetzt mit solchen Gegensätzen, die er effektvoll zu schildern weiß.

Gilmour arbeitet sich chronologisch durch die italienische Geschichte, mit Schwerpunkten im Risorgimento und in der Gegenwart. Das römische Imperium ist sein Ausgangspunkt, das Medien- und Politimperium von Silvio Berlusconi der vorläufige Schlusspunkt. Dazwischen liegt eine italienische Geschichte, die ihre Schwerpunkte in den verschiedenen Regionen der Halbinsel hat – vom sizilianischen Normannenreich über das Florenz der Medici bis zum Lombardischen Bund, der sich gegen Kaiser Friedrich Barbarossa durchsetzte. Italien, das ist Gilmours Botschaft, ist weniger Einheit als regionale Vielfalt.

Die Einheitsidee kam Mitte des 19. Jahrhunderts aus Piemont, einem Königreich, das Gilmour zufolge mehr zum benachbarten Frankreich als zum weit entfernten Sizilien passte. Die Einigung, die von hier ausging, nahm dem Autor zufolge eher den Charakter einer Eroberung an. Gerade im Süden der Halbinsel hielt sich die Begeisterung für das Einheits-Projekt in Grenzen; das Königreich beider Sizilien leistet genauso militärischen Widerstand wie der Kirchenstaat – in beiden Fällen vergeblich. Aufstände der süditalienischen Bevölkerung gegen die neuen Herren aus dem Norden, seien brutal niedergeschlagen worden, heißt es bei Gilmour. Kritik am neuen Nationalstaat durfte es nicht geben, weshalb die Gegner eben als „Banditen“ klassifiziert wurden.

Gilmour macht sich an die Mythen Italiens heran, zeigt die menschenverachtende Ideologie von Militärs und kriegslüsternden „Futuristen“, die Wandlung der Mussolini-Mitläufer zu Widerstandskämpfern und das Versagen des Staates im Kampf gegen die Mafia. Getragen wird die Darstellung von einer durchgängigen Sympathie für die Italiener und ihren Lebensstil. Andere Länder seien mehr als die Summe ihrer Teile, ist Gilmour sich sicher. Bei Italien sei es genau anders herum.

David Gilmour: Auf der Suche nach Italien. Klett-Cotta: Stuttgart. 464 S. 27,95 Euro.

Quelle: wa.de

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