„Hinterm Horizont“: Musical mit Hits von Udo Lindenberg

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Udo (Serkan Kaya) im Hotel Atlantic: Szene aus „Hinterm Horizont“. ▪

Von Klaus Grimberg ▪ BERLIN–Am 25. Oktober 1983 ist Thomas Brussig einer von vielen ostdeutschen Udo-Lindenberg-Fans, die vergeblich versuchen, in den Palast der Republik hineinzukommen. Drinnen gibt der Rocksänger aus der BRD sein erstes Konzert in der DDR – vor ausgewählten Zuhörern der Freien Deutschen Jugend. Es soll Lindenbergs einziger Auftritt im Arbeiter- und Bauernstaat bleiben. Der nuschelnde Poet aus dem Westen ist der Stasi nicht geheuer, die geplante Tour wird kurzerhand abgesagt.

Mehr als 25 Jahr später hat Brussig die Enttäuschung von damals verarbeiten können. Lindenberg selbst schlug den Schriftsteller vor, als es darum ging, aus seinen Songs ein Musical zu machen. Was Brussig mit „Helden wie wir“ oder „Am kürzeren Ende Sonnenallee“ begonnen hat, das setzt er mit seiner Geschichte für „Hinterm Horizont“ nahtlos fort: Bissig und ironisch erzählt er vom Alltag im real existierenden Sozialismus mit all seinen grotesken Widersprüchen und absurden Gemeinheiten.

Die Show mit den Hits von Lindenberg, die gestern im Theater am Potsdamer Platz in Berlin ihre Premiere erlebte, funktioniert dank Brussig anders als übliche Musical-Produktionen. Auf der Bühne ist ein richtig gutes Theaterstück zu sehen, mit starken Figuren, pfiffigen Dialogen und witzigen Pointen. Es geht um das legendäre „Mädchen aus Ostberlin“, jenem Song von Udo Lindenberg, der wie kein anderer den Irrsinn von Mauer und Trennung in wenigen Worten auf den Punkt bringt. Gab es dieses Mädchen wirklich? Und wenn ja – woran ist die Romanze mit Udo gescheitert?

Eine junge Reporterin soll die Geschichte von einst recherchieren. Schon bald hat sie „Jessy“ gefunden, die sich bereitwillig erinnert: Wie sie Udo als FDJ-Mädchen beim Konzert im Palast der Republik begegnete und gleich wieder verlor. Sie erzählt von einem abgefangenen Liebesbrief, dem verhafteten Bruder, der erpressten Verpflichtung, für die Stasi zu spitzeln. Vom heimlichen Treffen in Moskau und dem schmerzlichen Wiedersehen nach dem Fall der Mauer. Schließlich lässt sich Jessy von der Journalistin überreden, Udo noch einmal zu treffen, in Hamburg, im Hotel Atlantic.

Klingt ein bisschen nach deutsch-deutscher Seifenoper, ist es aber nicht. Denn als Schnulzen sind Lindenbergs Songs nicht zu gebrauchen. Was immer man gegen den alternden „Panik-Rocker“ vorbringen mag, ein „Schlageraffe“ ist er nie gewesen. „Odyssee“, „Straßen-Fieber“ oder „Gegen die Strömung“ handeln von Aufbruch und Aufbegehren, „Hinterm Horizont“, „Wenn du durchhängst“ oder „Ich lieb dich überhaupt nicht mehr“ vom Leben und der Liebe, die sich nicht auf Herz und Schmerz reimt. Verblüffend, wie treffend die Liedtexte zur Bühnenstory passen – als habe Udo nie etwas anderes als das Musical im Sinn gehabt.

Brussig und Regisseur Ulrich Waller gehen mit dem Songmaterial sehr kreativ um. So wird der „Sonderzug nach Pankow“ während eines von der Stasi veranstalteten Castings für Udo-Imitatoren herrlich entstellt und verhunzt – eine Respektlosigkeit, die der Nummer überraschend gut tut. „Moskau“ ist eine aberwitzige Tanznummer auf dem Roten Platz, bei der wilde Kosaken, Bolschoij-Ballerinas und eingemummte Babuschkas mit „Olga von der Wolga“ um die Wette wirbeln. Und die entfesselte Party auf der „Andrea Doria“, einem der ganz frühen Hits aus den 70er Jahren, tost nicht mehr im „Onkel Pö“ sondern im Hotel Atlantic.

Genauso geschickt wie mit den Songs arbeitet Waller mit Fotos und Filmsequenzen der deutsch-deutschen Geschichte. Der Alltag mit der Mauer, die Wut über ihre Unüberwindbarkeit und die Freude über ihren Zusammenbruch schleichen sich als visuelle Impressionen in die Inszenierung. Wo Brussig Stasi-Wahn und DDR-Mief grell karikiert, holt Waller das Publikum unterschwellig zurück in die historische Realität. Diese sensible Balance zeichnet die gesamte Show aus. Wer hätte das erwartet, bei einem Musical? „Hinterm Horizont“ setzt Maßstäbe – es muss nicht immer seicht und süffig sein.

Am Ende noch ein Wort zu Serkan Kaya. Auch er macht seine Sache als „Udo“ großartig: Singt sogar besser als das Original, wippt und schwebt fast so lässig über die Bühne, beherrscht den coolen Mikroschwung nahezu perfekt. Als aber der echte Lindenberg nach dem Finale auf die Bühne kommt, tritt Kaya ehrfürchtig zur Seite. Udo schnappt sich das Mikro und „macht sein Ding“ – im Saal geht hinterm Horizont noch einmal die Sonne auf!

Hinterm Horizont im Theater am Potsdamer Platz, Marlene-Dietrich-Platz 1, 10785 Berlin;

Tel. 01805/ 44 44

http://www.stage-entertainment.de

Quelle: wa.de

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