Hilary Mantels Autobiografie „Von Geist und Geistern“

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Die britische Schriftstellerin Hilary Mantel.

Von Ralf Stiftel Autobiografien handeln meistens von Leben, die gelingen. Die englische Schriftstellerin Hilary Mantel hätte Erfolge zu feiern. Als erste Frau hat sie zweimal den Booker-Preis gewonnen. Ihre historischen Romane aus der Tudor-Zeit, vom Hof König Heinrichs VIII., sind einzigartig darin, ferne Jahrhunderte ganz gegenwärtig zu machen.

Aber in ihrer Autobiografie „Von Geist und Geistern“ schreibt sie über anderes. Ihr Buch handelt von Häusern und Spuk, von Büchern und Medikamenten, von ungeborenen Kindern und Krankheiten der Gebärmutter, von Schmerzen und vom Dickwerden. Anglisten werden nicht unbedingt glücklich werden mit dem Buch. Wie „Wölfe“ entstand, welche Inspirationen zu „Falken“ führten, das verrät sie nicht.

Stattdessen legt Mantel ihre Wurzeln frei, und dabei geht sie im Detail mit chirurgischer Präzision vor. Die erzählerische Linie, die man von einer Biografie erwartet, fehlt hier, das Voranschreiten auf einem Lebensweg von Jahr zu Jahr, von Station zu Station. Sie beginnt damit, dass ihr Mann und sie ein Haus kaufen, Owl Cottage in Reepham, Norfolk. Dort sieht sie den Geist ihres Stiefvaters. Das Anderssein, vielleicht als Folge von Schmerz und Krankheit, ist eine Grundkonstante in Mantels Leben. So kommt sie auf ihre Migränen zu sprechen. Erst im zweiten Kapitel setzt so etwas wie eine Lebensgeschichte ein, der Rückgriff auf die Kindheit, allerdings mit einem denkbar brüsken Einstieg, mit Tod statt Geburt: „Zwei meiner Verwandten sind durch einen Brand umgekommen.“

An solche Sprünge muss sich ein Leser erst gewöhnen. Mantel meidet Kontinuität, reiht Lebensschnappschüsse aneinander. Vieles, was von einer Biografie erwartet wird, fehlt. So schreibt sie stets „mein Mann“, nennt aber seinen Namen nicht. Kinderspiele, Träume, Merkwürdigkeiten sind hingegen als ungemein plastische Szenen geschildert. Mantel erzählt assoziativ um Kernthemen herum, die sie prägten. Also geht es darum, dass sie als Katholikin erzogen ist. Da wird es wichtig, wenn eine Freundin protestantisch ist. Und bedeutsam, wie an der Klosterschule die Obernonne dafür sorgt, dass die Turnschuhe des Arbeitermädchen Hilary, die auf unerklärliche Weise verschwanden, sich wieder einfinden. Mit bedrückender Genauigkeit lässt Mantel uns den diffusen Schrecken eines siebenjährigen Mädchens im „geheimen Garten“ nachspüren: „Die Gnade läuft vor mir davon, läuft aus meinem Körper wie Flüssigkeit aus einer Leiche.“

Mantel ist 1952 geboren. Mehr als die Hälfte des Buches sind Kindheit und Jugend gewidmet. Es folgt eine Krankheitsgeschichte. Die Autorin litt an einer seltenen Erkrankung der Gebärmutter, die sich auf den ganzen Körper auswirkte, mit Störungen des Immunsystems und Schmerzen. Sie schildert das mit irritierender Offenheit und zugleich fast klinischer Distanz. Sie macht Witze über sich, wenn sie das St. George’s Hospital in London nennt, „wo sie meine Fortpflanzungsfähigkeit konfiszierten und meine Innereien neu ordneten“. Dann merkt sie an: „Ich hatte mehr Gynäkologen als Liebhaber gehabt.“ Der Humor, mit dem sie ihr Schicksal verarbeitet, ist tiefschwarz, zum Beispiel wenn sie über ihre Operation, kurz vor Weihnachten, anmerkt: „Aber ich dachte an unsere Chirurgen, die am nächsten Tag kommen und mich aufschneiden würden. Es war ihre letzte Aufgabe, bevor sie heim zu ihren Familien fuhren, um den Weihnachtsvogel zu zerlegen.“

Über Mantels Arbeit erfährt man wenig. Sie erwähnt nebenbei ihre gewissenhaften Recherchen für ihren Roman über die französische Revolution. Aber welche Energien ihr Schreiben nähren, das verrät sie sehr wohl. Das Pathos des Katholizismus. Die Zweifel an der eigenen Wahrnehmung. Der Umgang mit Schmerz, den die Umgebung nicht ernst nimmt. So ist dies bei allen Umwegen doch eine sehr ehrliche Rechenschaft. Und natürlich ist Mantel hier auch stilistisch auf der Höhe ihrer großen Kunst.

Hilary Mantel: Von Geist und Geistern. Deutsch von Werner Löcher-Lawrence. DuMont Verlag, Köln. 239 S., 19,99 Euro

Quelle: wa.de

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