„Hier und Jetzt“ im Gustav-Lübcke-Museum Hamm zeigt 66 Künstler aus der Region

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Ein Blick in die Ausstellung „Hier und Jetzt“ im Gustav-Lübcke-Museum Hamm. Zu sehen sind ab Sonntag Gordon Browns Skulptur „Spross I“ (2011, links), Tim Cierpiszewskis Op-Art-Bild „Ohne Titel“ (Mitte, 2012) und Patrice Jacopits Gemälde „Les Berges d‘Arcadie“ (2011) und viel mehr. ▪

Von Achim Lettmann ▪ HAMM–Fein, dicht, farbig und anziehend wirkt die kleine Materialarbeit von Gaby Wieging. „o.T.“ (2012) stellt geschnittene Streifen von Plastiktüten in einem Rahmenviereck auf, das an der Wand hängt. In einer Kabinettsituation des Gustav-Lübcke-Museums ist das haptische Werk der Künstlerin, die in Halle lebt, eins von 72 Exponaten, die in der Ausstellung „Hier und Jetzt“ zu sehen ist.

Alle vier Jahre werden zur Vergabe des Kunstpreises der Stadt Hamm (7000 Euro) aktuelle Arbeiten präsentiert, die eine Fachjury ausgewählt hat. Diesmal schickten 398 Bewerber vor allem aus Westfalen, aber auch aus dem Rheinland, Fotos und Infos zu ihren Werken. Im September wurden 66 Künstler ausgewählt. Am 7. Januar wird über den Preis entschieden, am 3. Februar soll die Auszeichnung zur Finissage im Gustav- Lübcke-Museum überreicht werden. Die Marianne-Vogel-Stiftung, die Volksbank und der Kunstverein Hamm loben den Preis aus. Aber bis dahin ist viel Zeit, um sich die qualitätsvollen Arbeiten anzusehen.

Eröffnet wird am Sonntag, 2. Dezember, um 11.30 Uhr. Dann ist der Oberlichtsaal des Museums ein Schauraum für zeitgenössische Kunst. Es gibt Malerei, Zeichnungen, Grafik, Fotografie, Licht- und dreidimensionale Kunst. Diana Lenz-Weber, stellvertretende Museumsdirektorin, sieht einen Trend zu kleinteiligen Arbeiten, die allerdings auf großen Flächen stattfinden. Wie Anek Arntz, der 2700 Stücke von Birkenrinden akkurat geschnitten und mit Bienenwachs zu einem naturnahen Diptychon geklebt hat. „Landschaft mit Kreuz“ (2009/10) lässt eben ein Kreuz-Bild aufscheinen, das auch Körper und Horizontlinie sein könnte. Arntz, in Münster geboren, schafft religiöse Motive mit moderner Kunst.

Einige Details zu den Werken bietet eine Foto-CD. Alle Exponate sind zu sehen. Es gibt biografische Daten und Statements der Künstler. Zum Beispiel vermittelt Gaby Wieging, dass ihre haptische Arbeit aus Schlecker-Tüten besteht, um mit der Pleite des Großunternehmers auf Konsum und Geldgier zu verweisen.

Zeitgenössische Kunst ist aber nicht immer konzepthaltig. Tim Cierpiszewski (Essen) hat ein schwarz-weißes Strahlenbündel an die Wand geworfen, das einen einfach anzieht und blendet. Neben der sprühenden Op-Art transportiert die Holzskulptur von Gordon Brown (Iserlohn/Hamm) eine innere Kraft. „Spross I“ ist ein geölter Lärchenstamm, der von Wuchswaben strukturiert ist, und trotz seiner Übergröße still und warm wirkt. Kompakt und ein wenig märchenhaft wirkt Andrea Peckedraths „Torhaus“ (Keramik) mit schrägen Linien und winzigen Fensterscharten. Die Skulptur bringt Sicherheit (Haus) und Offenheit (Tor) zusammen.

Recht ironisch geht Sabine Ehlers (Bielefeld) mit den QR-Codes um, die in unserer Info-Gesellschaft mit dem Smartphone lesbar sind. Auf drei Stoffkissen („Lies mich 1–3“, 2012) hat sie Kästchen-Zeichen gestickt. Gerti Hauptführer (Brilon) titelt „Ich bin ganz woanders III“ (2011) und malt zwei Reihen Totenköpfe in Rot, Grün, Gelb, Blau und Weiß. Sie grinsen einen frech an. So nimmt Hauptführer dem Sterbesymbol seinen Schrecken.

Es sind auch ungewöhnliche Techniken, die in der Ausstellung „Hier und Jetzt“ überzeugen. Rike Scholle hat ein handgenähtes Metallgitter zu einem Künstlerkittel stilisiert. „absent (Artist Smock)“ (2011) ist mit Glasblumen verziert, die dem durchscheinenden und steifen Geflecht noch etwas Zerbrechliches geben. Ganz virtuos kommt der Scherenschnitte (Cut out) von Lena von Gödeke (Düsseldorf) daher. Ihr Seefahrer-Bild zwischen zwei Acryl-Platten heroisiert das Sujet des Totenschiffs mit modernen Verweisen (Tattoo, PC-Platinen) und sorgt für erzählerische Dramatik plus ein versonnenes Selbstbildnis. Herrlich bildsüchtig! Patrick Alexander Deventer (Warstein/Soest) schafft mit seinen Plexiglasstreifen wechselvolle Farbverläufe. Für „schräg geschaut Nr. 20 – Phoenix“ (2012) sollte man wirklich von der Seite kommen, um das Farbspiel zu erleben.

Die Arbeiten in „Hier und Jetzt“ bieten ganz individuelle Kunstpositionen. Die Ausstellung ist weder stil- noch genrespezifisch gehängt. Fotografien sind gleich zu Beginn zu sehen, wenn Martin Jepp (Hamm/Berlin) mit einer Mehrfachbelichtung den Neubau der Hammer Musikschule in Bewegung setzt. Die Fotografie transportiert den visionären Anspruch der Architektur mit anderen Mitteln. Daneben überhöht Jörg Renk (Hamm) den Kanalhafen mit Wolkenformationen, die an die Ewigkeit stoßen. Tief dunkel ist das Wasser, von Silos, Kränen und Gleisanlagen gesäumt, und vom Himmel surreal stimuliert. „Hammer Hafen“ (2011), eine Infrarotfotografie.

Natürlich ist auch großformatige Malerei vertreten. Hugo Boguslawski (Gelsenkirchen) drängt mit dem Pinsel Blau, Braun, Grün und Violett so dicht aneinander, dass plastische Wirkungen aufscheinen. „Carterpillar“ (2012) ist bei aller Kleinteiligkeit und Virilität ein weiter Wechsel der Farben, wie sie die Expressionisten beherrschten. Ganz gegenständlich malt Elisabeth Apelt (Haltern). Ihre Hommage an das „Ruhrbüdchen“ (2012) kommt ohne naive Klischees aus. Die Trinkhalle steht vor grauen gesichtslosen Hochhäusern, als Zuflucht für Farbe und Menschlichkeit.

Die Schau

Technisch ausgereifte Positionen aktueller Kunst aus der Region, aus Hamm, Düsseldorf, Gelsenkirchen... Sehenswert!

Hier und Jetzt im Gustav- Lübcke-Museum Hamm. Eröffnung am Sonntag, 2. Dezember, 11.30 Uhr; di-sa 10 bis 17 Uhr, so 10 bis 18 Uhr; Foto-CD (statt Katalog) 6,95 Euro; Tel. 02381 / 175 701; http://www.hamm. de/gustav-luebcke-museum

Quelle: wa.de

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