Kreisler-Klassiker in Bochum

„Heute Abend: Lola Blau“ am Prinz-Regent-Theater

Stefanie Linnenberg spielt in Bochum „Heute Abend: Lola Blau“.
+
Von Beruf? Dame. Stefanie Linnenberg spielt in Bochum „Heute Abend: Lola Blau“.

Kreislers Kabarett-Musical „Heute Abend: Lola Blau“ wird im Prinz-Regent-Theater Bochum ein intensiver Abend mit Stefanie Linnenberg.

Bochum – Traurig und niedergeschlagen sitzt sie da. Lola Blau, ein Bühnenstar, dem die Nazis Liebes- und Lebensglück genommen haben. Nach 1945 singt sie im Wiener Kabarett, was sie sagen will. Aber die Kraft, wieder aufzustehen, die fehlt nach Flucht, Weltkrieg und ewigem Judenhass. In dem Musical „Heute Abend: Lola Blau“ lässt Stefanie Linnenberg einen mitfühlen, so intensiv verkörpert sie die Titelfigur in Georg Kreislers unverwüstlichem Klassiker. Zu gut sind die Lieder, zu gut die Sprache des Dichters und Komponisten („Heute fand ich alte Tränen, wusste nicht das wir sie hatten“).

Kreislers Abrechnung mit Duckmäusertum, Nazi-Mitläufern, Antisemitismus und die Ignoranz der sogenannten Kleinen Leute („Frau Schmidt“) wird am Prinz-Regent-Theater in Bochum mit viel Gespür fürs persönliche Drama gegeben. Stefanie Linnenberg spielt eine Flüchtende, der das Engagement in Linz abgesagt und die Unterkunft genommen wird. Über Basel und Zürich geht es nach New York in die Staaten. Statt Tempo zwischen den Stationen zu machen und den Ortswechsel in Lola Blaus Auftritten expressiv auszulegen, setzt Regisseurin Kerstin Sommer auf die Liedkultur Kreislers. Linnenberg moduliert ihre weiche Stimmfarbe und bietet schrille Spitzen, wenn sie die Blutgier der Leute spürt („Alle wollen nur die Leich“) und sich in die rote NS-Fahne dreht. Klasse, wie kokett und böse die bessergestellten Ladies enttarnt werden („Beruf? Dame“). Kreisler hätte sich gefreut. Beim Spottlied über Männer („Die Wahrheit vertragen sie nicht“) wedelt sie ein wenig mit der Federboa, aber wechselt nicht die Figurenpersönlichkeit. Vielmehr zeichnet Linnenberg mit den Liedvorträgen das Bild einer jüdischen Frau, die im Sog der Geschichte erkennt, welche humanen Werte fallen mussten, um sie zu degradieren.

Die NS-Zeit wird als Soundcollage im Stück eingespielt. Phrasen aus Hitler- und Goebbelsreden wechseln mit Marschmusik („Oh du schöner Westerwald“) und dem brüllenden Glück eines gelungen NS-Alltag („Heut ist der schönste Tag in meinem Leben“). Pianistin Mirela Zhulali begleitet Stefanie Linnenberg und steuert an einer langen Angel Spielmittel bei – abstandskonform. Mara Zechendorff (Bühne) hat mit ihren Kostümen großen Anteil an filmreifen Bildern. Wenn Zigarettenrauch im Spotlicht aufsteigt, und Linnenberg die Zeit der 1930/40er Jahre erweckt: „Bei mir bist du schön“ – das hat Format.

1., 2., 22., 31. August; bei gutem Wetter draußen;

Tel. 0234/7711 17; www. prinzregenttheater.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.
503 Service Unavailable

Hoppla!

Leider ist unsere Website zur Zeit nicht erreichbar. Wir beeilen uns, das Problem zu lösen. Bitte versuchen Sie es gleich nochmal.