„Herzfaden“: Thomas Hettches Roman über die Augsburger Puppenkiste

Die Helden der Augsburger Puppenkiste treten in Thomas Hettches Roman auf: Lukas, der Lokomotivführer, Urmel und Jim Knopf (von links). Foto: dpa

Den „Herzfaden“ einer Marionette sieht man nicht. Man kann ihn auch nicht anfassen. „Der Herzfaden einer Marionette macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“ So erklärt Walter Oehmichen, der Gründer der Augsburger Puppenkiste, seiner Tochter die Magie des Marionettentheaters in Thomas Hettches gleichnamigem Roman.

In der jungen Bundesrepublik hat das bestens funktioniert. Die Puppenkiste wurde schon früh zum Medienphänomen des Wirtschaftswunders. Wenige Wochen nach der ersten Tagesschau wurde 1953 „Peter und der Wolf“ ausgestrahlt, wenig kindgerecht abends um 21 Uhr. Irgendwie begleiten die Helden am Faden den Wiederaufbau. Und sie spielten sich fest ins kollektive Gedächtnis. Der kleine dicke Ritter, das Urmel, der kleine Erdmännchen-König Kalle Wirsch gehörten zu den prägenden Kindheitserlebnissen von mehr als einer Generation. 1961 wurde Michael Endes Buch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ als erste Serie des deutschen Fernsehens ausgestrahlt.

Trotzdem erscheint es zunächst nicht zwingend, einen Roman über die Augsburger Puppenkiste zu schreiben. Eine Chronik, eine Geschichte, das mag vielleicht angehen. Aber was soll eine fiktionale Erzählung wie „Herzfaden“ an Mehrwert bringen, an Erkenntnisgewinn? Wird hier einfach mit dem populären Thema spekuliert?

Hettche findet eine verblüffende und überzeugende Lösung. Er zeichnet einerseits durchaus faktengenau die Entstehung der Bühne nach. Aber er bindet das andererseits in eine Erzählung ein, die den Marionettentheater-Zauber einfängt und sogar ins Phantastische ausgreift.

Das Buch beginnt damit, dass ein Mädchen nach dem Besuch einer Vorstellung in der Puppenkiste ausreißt. Diese namenlose Heldin des Buchs entflieht der Gegenwart: Ihre Eltern haben sich getrennt, sie ist zu Besuch bei ihrem Vater. Durch eine verborgene Tür verschwindet sie in eine Unterwelt so, wie Alice durch den Kaninchenbau ins Wunderland gelangt. Sie schrumpft auf Marionettenformat, begegnet zunächst der Prinzessin Li Si und weiteren Puppen. Dann steht vor ihr eine Frau, Hatü, eigentlich Hannelore Marschall. Die Tochter des Puppenkisten-Gründers Walter Oehmichen war von Anfang an dabei und leitete lange Jahre die Bühne.

Nun wechselt Hettche immer wieder den Schauplatz. Hatü erzählt die Geschichte des bekanntesten deutschen Puppentheaters von den Anfängen als „Puppenschrein“ mitten im Weltkrieg an. Und dazwischen erlebt das namenlose Mädchen ein befremdliches Abenteuer: Ein verstörender, hämisch lachender Kasper entführt es kurzerhand in die Dunkelheit des Dachbodens. Die Handlungsebenen sind schon im Druckbild abgesetzt: Was das Mädchen erlebt, ist rot, die Rückschau von Hatü blau gedruckt. Und Zeichnungen von Matthias Beckmann finden eine schöne Balance zwischen den ikonischen Figuren der Puppenkiste und einer verallgemeinernden Abstraktion.

Von Anfang an bindet Hettche die Zeitgeschichte in seine Erzählung ein. Er zeigt zum Beispiel, wie der erfolgreiche Schauspieler und Regisseur Walter Oehmichen sich mit den Nationalsozialisten arrangiert, wie er sich freut, von der Reichstheaterkammer auf die Liste der Unverzichtbaren gesetzt worden zu sein und nicht an die Front zu müssen, wie er aber auch einen Text des verbotenen Autors Klabund in Augsburg inszeniert, weil der den Nazis genehme Schreiber „Müll“ produziert. Der „Puppenschrein“ wurzelt im Krieg. Hatü und ihr Vater bringen den Kasper ins Lazarett, zu den verwundeten Soldaten.

Hettche verdeutlicht, wie die Puppenkiste nach dem Krieg zunächst die Realitätsflucht ermöglicht, aus dem Alltag des verlorenen Kriegs, der Trümmerstädte in eine Märchenwelt mit sicherem Happy End. Aber mit dem Reifen der Republik ändert sich auch der Spielplan, erst zur humanistischen Philosophie des „kleinen Prinzen“. Später zu Rücknahmen der NS-Rassenideologie. Zum „Halbdrachen“ bei „Jim Knopf“ fallen den Puppenspielern in Hettches Buch ausdrücklich die „Halbjuden“ der Nürnberger Gesetze ein. Und sie geben das Stichwort „Reeducation“, Umerziehung zur Demokratie. Hettche macht all das lebendig, indem er es einbettet in die Geschichte der heranwachsenden Hatü, die sich mit ihrem aus dem Krieg zurückkehrenden Vater arrangieren muss, erste Liebe erlebt, die neue Weltoffenheit im Jazzkeller.

Und in der Figur des bösen Kaspers macht Hettche den Zwiespalt, die uneingestandene Geschichte der Bühne greifbar. Da dürfen das Urmeli und Kalle Wirsch zauberhaft mitspielen. Wie Hettche die unschuldige Direktheit des Kinderbuchs mit unbewältigter Ideologie und der Modernität des iPhones zusammenbringt, ohne kindisch zu werden, das macht dieses Buch vollends zum Vergnügen.

Thomas Hettche: Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 286 S., 24 Euro

Quelle: wa.de

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