Hermann Schmidt-Rahmers mitreißende „Gespenster des Kapitals“ in Bochum

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Profitversprechen machen scharf: Szene aus Hermann Schmidt-Rahmers Inszenierung „Gespenster des Kapitals“ in Bochum mit Jürgen Hartmann (links) und Nicola Mastroberardino.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Eine „sexy Start-up-Story“ verspricht der Spekulant Mercadet seinem Kreditgeber Verdelin. Und dabei schmiegen Jürgen Hartmann und Nicola Mastroberardino die Wangen aneinander. Sie züngeln vor Lust. Am Schauspielhaus Bochum erzählt Hermann Schmidt-Rahmer die Züge der globalen Geldströme, die Strategien der Finanzmärkte, die Rettungsversuche der Politik als frivolen Horror-Trash.

Er nimmt uns mit auf eine rasante Tour durch die Geisterbahn der Spekulanten im Stück „Gespenster des Kapitals“. Das passt: Schließlich preisen Investmentbanker gerade die riskantesten Finanzprodukte an wie eine Puffmutter ihr willigstes Mädchen. Regisseur Schmidt-Rahmer nimmt diese Bilder beim Wort.

Den groben Rahmen gibt eine Gesellschaftskomödie von Honoré de Balzac vor: „Mercadet, le faiseur“. Der Titelheld, ein Spekulant, ist pleite, ja hochverschuldet. Mit einer letzten Transaktion will er sich sanieren: Seine Tochter Julie soll einen Millionär heiraten. Dieser De la Brive freilich ist ebenfalls ein Hochstapler, der durch die Hochzeit aus dem Defizit kommen will.

Aber diese Story wird im wilden Treiben auf der Bühne pulverisiert wie Millionen zur Bankenrettung. In den Kammerspielen läuft ein Hochtempo-Crashkurs über die Weltwirtschaftskrise. Immer wieder leuchten die Bildschirme in den Goldrahmen am Bühnenhintergrund auf . „Lektion 17. Creatio ex nihilo“ steht dann zum Beispiel da, und Hausdiener Justine doziert über das „Giralgeld“, das bei der Bank „aufgepoppte“ Geld.

Bühnenbildner Thilo Reuther hat eine Mischung aus Frankensteins Labor und Draculas Gruft konstruiert. Diese Gruselfilmoptik des 50er-Jahre-Kintopp gibt den Ton der Money Horror Picture Show vor. Aber wo es passt, kommt der Investor Goulard (Matthias Eberle) mit dem starren Kinski-Gesicht eines Edgar-Wallace-Krimis herein. Das sieht einfach gut aus: Jürgen Hartmanns Mercadet wirkt wie eine Mischung aus Nosferatu und irrem Wissenschaftler, wenn er als Mann in Schwarz fordert: „Schluss mit dem Sparkurs!“ Mit allen Mitteln versucht er seinen Kreditrahmen auszuschöpfen, er droht und bettelt, manchmal in einem Satz. Veronika Nickl trägt ein überaus erotisches Kleid aus durchbrochener schwarzer Spitze. Der Hausdiener Raiko Küster geht im Kilt. Und Xenia Snagowski drückt mit Mut zur Hässlichkeit immer mal wieder ihren Zahn-Überbiss an.

Man lässt Video-Fetzen von fallenden Aktienkursen von CNN im Hintergrund flimmern und den Auftritt eines großmäuligen CEO der Lehman Brothers. Es wird improvisiert, was das Zeug hält, und mehr als einmal fällt einer aus der Rolle und fragt, wie es denn jetzt mit der Geschichte weitergehe.

Davor hat Mastroberardino gerade mal die exponentielle Verschuldung erklärt, wobei er die Zuschauer rechnen lässt – mit kleinen Einwürfen: „Sie waren auf der Waldorfschule? Dann dürfen Sie die Zahl auch tanzen!“ Alles im vernuschelten Pseudo-Schwyzerdütsch. Xenia Snagowski mutiert zu Geld, tanzt, per Video-Einspielung vervielfacht und klagt: „Wohin noch laufen? Ich lege mich hier an.“ Der Ausflug aller Akteure aus dem Haus ins nächtliche Bochum klappt bei der Premiere nicht ganz so gut – der Ton fällt immer wieder aus. Aber das reißen andere Szenen wieder raus. Raiko Küster kommt im hautengen Superheldenkostüm auf die Bühne als ein „nervöser Markt“, der wortlos auf die Kommentare reagiert und vor allem jedesmal zusammenzuckt, wenn jemand vom „Regulieren“ spricht. Und das große Finale über den Crash ist grandios: Da hantieren sie mit Laptops, Handys und einem Schaumwerfer, mit dem sie die Märkte fluten. Während die Bühne immer mehr zugeschäumt wird, haben Banker, Spekulanten, Mario Draghi und Wolfgang Schäuble Kurzauftritte. Und der sinistre Hartmann hält Sarah Grunert im Würgegriff: „Mein Gott, er hat die Commerzbank!“

Hier schlägt der Slapstick bruchlos um in Dokumentartheater und in einen zur Schrammelgitarre vorgetragenen Protestsong. Hier hat man aufgekratzte Pantomime neben Kabarett: „Das Geld ist nicht weg. Es ist nur woanders.“ Hier darf man lachen und soll man mitdenken. Die acht Darsteller begeistern mit Spielfreude. Großes Gruselkino.

30.10., 9., 30.11., 3., 14., 28.12., Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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