Herbie Hancock mit dem „Imagine-Project“ im Konzerthaus Dortmund

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Herbie Hancock zeigt sich selbst begeistert: „Whow, das war ein wildes Schlagzeugsolo!“ Dann stellt er seine Band vor.

Der Pianist, eine Jazzlegende, erweist sich im Konzerthaus Dortmund als freundlicher Onkel, der mit einigen Leuten aus seiner musikalischen Familie ein kleines Fest feiert. Frieden und Verständigung, der Mann hat eine Botschaft zu dem, was er unter „Globalisierung, die wir brauchen“ versteht: „Wir müssen die Welt so gestalten, dass unsere Kinder darin leben wollen!“ 70 Jahre alt ist der Mann auf der Bühne, aber anscheinend mühelos gestaltet er beinahe drei Stunden Programm um seine aktuelle Platte, eben das musikalische Globalisierungsprojekt.

Andere hätten das Crossover genannt, vielleicht auch unterstellt, da schiele jemand nach kommerziellem Erfolg. Auf dem „Imagine Project“ (Sony Music) singen Pink, Seal, Juanes, Dave Matthews, James Morrison und die Tuareg-Rockband Tinariwen, um nur einige zu nennen. Die könne er natürlich nicht alle mitbringen, schmunzelt Hancock, aber, hey, dies sei das 21. Jahrhundert: Die afrikanischen Trommler von Konono No. 1 und die Stimme von Fatoumata Diawara, die habe er auf der Festplatte dabei.

Puristen hatten schon immer ihre Probleme mit Hancock, der sich stets an der Spitze des Fortschritts hielt, mit „Rockit“ 1983 gar einen Techno-Welthit landete. In den letzten Jahren spielte er vor allem am Flügel, sei es im Duett mit dem Klassik-Superstar Lang Lang, sei es im Quintett mit dem Saxophonisten Wayne Shorter. Diesmal startet er mit dem Superhit seiner „Headhunters“-Phase, mit „Chameleon“, spielt Jazzfunk am Piano, aber auch am Synthesizer und am tragbaren Keyboard, dass die Wände wackeln.

Seine Tourband versammelt eine handverlesene Auswahl von Jazzrock-Routiniers wie Schlagzeuger Trevor Lawrence jr. und Bassmann James Genus. Greg Phillinganes hat schon Keyboards für Michael Jackson, Paul McCartney und hunderte andere Popstars bedient. Heute lässt Hancock ihn auch singen – und wie. Am Ende, bei Sam Cookes „A Change is Gonna Come“, da tritt er wie ein traditioneller Gospelsänger vom Mikro weg und füllt den Saal allein mit Lungenkraft. Er meistert die Parts, die berühmtere Gäste auf der CD haben, rundweg überzeugend. Dann ist da der aus Benin stammende Gitarrist und Sänger Lionel Loueke, der auf der Platte mitspielt, hier aber auch zum Beispiel den Part von Tinariwen übernimmt, der Blues und Jazzrock und Steeldrum-Sounds lässig aus seinem Instrument holt. Und dann ist da noch die Sängerin Kristina Train, die ebenfalls für die Stars einspringt und das höchst achtbar erledigt, zum Beispiel den vollen Sound beim Rausschmeißer „Space Captain“ bringt, den auf der Platte Bluesröhre Susan Tedeschi interpretiert.

Hancock aber gelingt ein Kunststück. Dieser Querschnitt durch die Popgeschichte von Lennons „Imagine“ bis zu Dylans „A Change Is Gonna Come“, zu dem Popstars singen, die Chieftains flöten und fiedeln, Inder die Sitar zirpen lassen und Afrikaner trommeln, der klingt hier nicht beliebig. Hancock verschmilzt alles zu einem globalen Groove, prägt der Musik seinen Sound ein. Und live kommt es beinahe noch besser über die Rampe, denn hier fehlt die Glätte einer Studioproduktion.

Zumal Hancock die Festplatte nicht allzu oft bemüht. Beim Dylan-Titel greift Kristina Train zur Geige, und Philinganes übernimmt am Synthesizer den Dudelsack-Part. Lange Instrumentalsoli reichern die Musik um das nötige Quantum Jazz an. Diese Band schont weder sich noch das Material. Am wenigsten der Meister selbst, der sich zwischen all den fremden Hits auch mal eine inspirierte Viertelstunde allein am Konzertflügel gönnt. Und der neben der Popgeschichte auch die eigene feiert, indem er zurückschaut auf seine Erfolge wie „Watermelon Man“ und „Cantaloupe Island“, die als lupenreine Fusion-Jazz-Versionen krachen. Und gerade wenn man denkt, dass es nun schlimm kommt, weil zusätzlich zu Kristina Trains Violine noch ein ganzes Orchester aus dem Synthi schmalzt, dann kriegt Loueke die Kurve und deutet Monks „Round Midnight“ doch ziemlich unsentimental. Und nach der langen Zugabe legen Hancock und seine Begleiter noch ein Tänzchen aufs Parkett: Zum Hancock-Hit „Rockit“ vom Band.

25.11. Philharmonie Köln

Quelle: wa.de

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