Henzes Ballett „Undine“ an der Aalto-Oper in Essen

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Eifersucht: Szene aus „Undine“ in Essen mit Ana Sanchez Portales, Yoo-Jin Jang und Marat Ourtaev. ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Alle irren sie durch die mondbeglänzte Nacht; alle sind sie allein: Hans-Werner Henzes Ballett „Undine“ ist eine Studie über das Vertraute im Fremden.

Am Aalto-Theater Essen ist es in der Fassung des belgischen Choreografen Stijn Celis zu sehen. Die Aufführung ist Teil des Henze-Projektes der Ruhr.2010. Die Geschichte eines Naturgeistes und seiner Liebe zu einem Menschen hat über Jahrhunderte solche Faszination ausgeübt, dass sich in Literatur, Tanz, Musik und Theater zahllose Varianten finden: von Dvoraks „Rusalka“ bis Adolphe Adams „Giselle“, von Friedrich de la Motte Fouqué bis – Schwanensee. Diese Parallele zieht Celis: Mensch liebt Naturwesen, doch die Welten sind zu fremd, beide können einander nur für Augenblicke finden. Dies ist die Chiffre der Unvereinbarkeit; der Zauber, der laut Libretti dazwischenfunkt, ist nur das Symbol.

Undine (Yoo-Jin Jang) ist ein heiteres, leichtes, dem Helden Palemon (Marat Ourtaev) grundsätzlich fremdes Geschöpf. Das Dreieck macht Beatrice (Ana Sánchez Portales) vollständig, Palemons menschliche Verlobte. Aber sie kann die Faszination nicht ersetzen, die Undine ausübt.

Celis zitiert den „Schwanensee“ bis in die Gestik hinein. Die sehnsüchtige Siegfried-Pose, mit der Palemon der Unbekannten entgegenschmachtet. Die angstvoll-hingegebene Geste, mit der Undine vor dem Menschen zurückweicht. Die Schwurgeste, mit der Palemon sich dem Wassergeist verspricht, und damit dem Untergang. Der Mond, der die Szenerie beleuchtet, das Licht wie in den ballets blancs. Mensch und Geist ziehen sich in den Wald zurück. Dort herrscht Tirrenio, eine Mischung aus Dandy, Showtänzer und Trickster (vital und sprungstark: Breno Bittencourt), über eine Versammlung von Nymphen und Tritonen. Catherine Voeffray hat sie in bonbonfarbene Corsagen und Gene-Kelly-Matrosenhosen gesteckt. Es sind Karikaturen, irrwitzige Wesen, doch ihre Anziehungskraft ist magisch. Der Kunstgriff: Nur die Geister tanzen auf Spitze.

In diesem Reich übergibt Palemon Undine ein goldenes Haus, Symbol seiner Liebe und der Sicherheit, die sie bieten kann – allerdings für Beatrice, nicht für den Geist. Machtvoll ist der Pas de trois, in dem die Menschenfrau Undine den Mann und das Haus wieder abgewinnt, eine unglaublich starke Szene. Yoo-Jin Jang wandelt sich von der weichen Undine zu einem fernen, bedrohlichen Geschöpf. Zu unheimlich für die Gesellschaft korrekt gekleideter Menschen, die Palemon folgt, zu unheimlich für die menschliche Art, Nähe zu regulieren: die Konvention.

Celis lässt das Corps übertriebene Lustigkeit ausstrahlen. Seine Personenführung ist klar, manchmal zu abrupt. Als könne er sich nicht entscheiden, ob er zeigen oder erklären will. Er zeigt in einer Anderwelt ein Andermärchen. Das Wort anti ist hier nicht am Platz, zu sehr steht seine Arbeit in der Tradition der klassischen Ballette und romantischen Feenmärchen, zu eng ist seine Undine bei allem modernen Gestus auch Bournonvilles selbstzerstörerischer „Sylphide“ verwandt. Celis hält dem Undine-Märchen einen modernen Spiegel vor, ohne es zu dekonstruieren. So fehlt ihm der letzte Schritt zur Abstraktion: Zu nahe ist er der Vorstellung Henzes und des ersten Choreografen, Frederick Ashton, die das klassische Ballett als Bezugs- und Brechungspunkt ihrer Arbeit sahen. Auf Palemons und Beatrices Hochzeitsfeier lässt Celis konsequent Tirrenio und ein Undine-Double (Adelina Pastor mit einem furiosen Auftritt) ihren Eintritt machen wie Rotbart und Odile im dritten Akt Schwanensee. Marat Ourtaevs Palemon bleibt blass: Der Held ist, wie jeder Mann, der die eine Frau hat und sich eine andere dazuwünscht, in einer Lage, in der er um nichts in der Welt eine gute Figur machen kann. Undine tötet ihn mit ihrem Kuss. Im Orchestergraben brillieren die Bochumer Symphoniker unter Volker Perplies. Henzes changierende Strukturen leben und fließen, seine Harmonien schillern und funkeln und verzaubern.

23.9., 2., 17.10., 5., 22.1.,

Tel. 02 01 / 81 22 200,

http://www.theater-essen.de

Quelle: wa.de

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