Henry Fair fotografiert „Hidden Costs“, zu sehen auf Zeche Hannover in Bochum

Abwasserbecken einer Phosphatdünger-Produktion in Bartow, Florida, aus dem Jahr 2007. Luftbild von - Henry Fair. Foto: - henry fair

Bochum – Aus der Distanz ist das Rotbraun nicht zu spezifizieren. Der Fotograf - Henry Fair (60) hat aus großer Höhe einen Landschaftsausschnitt in der Lausitz im Osten Deutschlands im Jahr 2007 aufgenommen. Hier leuchtet ein Abwasserbecken nahe eines Braunkohle-Kraftwerks in dieser Farbe. Ein paar trockene Baumreste schauen aus der Kloake. In den Uferzonen stehen weitere tote Bäume. Kraftwerke setzen Arsen, Quecksilber, Chrom und Cadmium in Luft und Boden frei. - Henry Fair zeigt, wie die Natur unter den Resten industrieller Produktion leidet und stirbt. Das Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum präsentiert seine Ausstellung „Hidden Costs. Ewigkeitslasten“ – es sind schöne schaurige Doku-Bilder.

Die Spuren unserer Industriegesellschaften haben den Fotografen Fair animiert, etwas für die Umwelt zu tun. In Charleston, South Carolina, geboren, ist Fair seiner Heimat verpflichtet. Über die Jahre hat er erkannt, dass das westliche Wirtschaftsmodell einigen Akteuren freie Hand lässt, Bodenschätze auszubeuten, ohne auf die natürlichen Systeme Rücksicht zu nehmen, die für saubere Luft und sauberes Wasser, für Tiere und Pflanzen unverzichtbar sind. In den USA spricht Fair von der „erdölbasierten, konsumierenden Entsorgungswirtschaft“. Auf einem Nachtflug erkannte Fair zufällig, dass er nicht über Zäune klettern muss, um die Umweltverbrechen einiger Firmen sichtbar zu machen. Fortan mietete er Flugzeuge und fotografierte aus der Vogelperspektive. Als erstes dokumentierte er, wie die Plantagenkultur entlang des Mississippis zu schwerindustriellen Zonen mit wenigen historischen Flächen für Felderwirtschaft umgewandelt wurde. Seine Fotos sollen von diesen Veränderungen, Zerstörungen und versteckten Kosten („Hidden Costs“) unserer Industrie berichten.

Dabei fühlt sich Fair zuerst als Künstler. In einem zweiten Schritt soll seine Fotografie von der Zerstörung erzählen und den Betrachter zum Nachdenken bringen. Die bizarre Bewegung in Blau und Weiß, die das Luftbild zum Abwasserbecken in Bartow, Florida (2007), festhält, erinnert an Gemälde abstrakter Expressionisten. Vor allem die abstrahierte Energie, die in Bildern dieser Künstler spürbar wird, lässt sich auch Fairs Fotografien entnehmen. Tatsächlich resultiert die „Kraft“ aus den Resten einer Phosphatdüngerproduktion. An dem Flusslauf sind Phosphaterze gewonnen worden. Bei der Reinigung des abgebauten Erzes bleiben Sand und Lehm in Absetzbecken am Fluss zurück.

Auf der Zeche Holland sind vor allem Bilder aus den Staaten zu sehen. - Henry Fair hat die Ölkatastrophe der Ölgesellschaft British Petroleum dokumentiert. Unter der Plattform Deepwater Horizon ging ein Bohrloch in 1,6 Kilometer Tiefe auf. 780 Millionen Tonnen Rohöl ergossen sich in den Golf von Mexiko. Das Erdöl schimmert gold-kupfern vor den grünen Inselchen, die dem US-Bundesstaat Louisiana vorgelagert sind. 2010 fotografierte Fair die Baratria Bay, ein Refugium für Pelikane. „Öl aus dem Deepwater Horizon Leck“ (2010) leuchtet rot auf dem Meer. Oder treibt dunkelbraun in Teppichen unterhalb der Wasseroberfläche. Fair hat Erdöl kennengelernt.

Die Ausstellung zeigt rund 50 Fotografien. Wie gelb „Geschmolzener Schwefel aus der Teersandraffinerie“ (2009) aussieht, ist im Bereich der historischen Hängebank des Industriemuseums zu sehen. Dort, wo früher die Förderkörbe zum Stehen kamen, überrascht das malerische Fotobild einer gigantischen Deponie in Fort McMurray, Kanada. Die rote Spur signalisiert, dass der verflüssigte Schwefel über 200 Grad heiß ist. Kühlt er ab, wird der Reststoff gelb und endgelagert. Denn Schwefel lässt sich auf dem Weltmarkt nicht mehr verkaufen. Er bleibt in der kanadischen Landschaft.

Der zweite Schwerpunkt der Ausstellung sind Fotografien aus Deutschland. Meist wurde Fair von der Motorfluggruppe Grenzland unterstützt. Motive sind vor allem technische Anlagen. Die Kokerei in Bottrop (2010) mit dem Füllwagen, der die Batterien mit Kohle belädt. Das Hüttenwerk in Duisburg (2007), das über den Hafen Rohstoffe bezieht. Der Industriegigant produziert hochwertiges Eisen mit komplexer Ingenieur-Technik. Zum Kohlekraftwerk in Gelsenkirchen (2010) wird ein 302 Meter hoher Schornstein ins Kameravisier genommen, der Emissionen in großer Höhe verteilte und die Grenzwerte nahe des Großkraftwerks „verbesserte“. Diese Industriepolitik geht auf die 70er Jahre zurück. 2010 setzte das Werk Scholven für 2300 Megawatt 9 939 000 Tonnen CO², 135 Kilogramm Quecksilber und 4330 Tonnen Schwefeldioxid in die Atmosphäre frei. Heute sind die Werte besser.

Interessant ist, dass der erste visuelle Eindruck der Fotografien an Faszination verliert, sobald man die Geschichte dahinter gelesen hat. Folglich spürt man während der Ausstellung immer mehr die Umweltsünden auf, statt sich in den schönen Farben zu verlieren. Fairs Absichten wirken.

Bis 27. Oktober; mi-sa 14 bis 18 Uhr, so 11 – 18 Uhr; Katalog im Klartext Verlag 19,95 Euro; Tel. 0234/6100 874; Begleitprogramm mit Upcycling, Führungen, Vorträgen und Diskussionen. www.lwl- industriemuseum.de

Quelle: wa.de

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