Henrik Tikkanen rechnet mit seiner Familie ab

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Hendrik Tikkanen

HAMM - Es gehört eine Menge Chuzpe dazu, einen Roman über die eigene Familie so zu beginnen: „Dies ist eine gruselige Geschichte über vorzeitigen Tod, Unheil, Unzucht und Schnaps.“ Oder Hass. Henrik Tikkanen rechnet richtig ab mit seiner Familie, und zugleich mit einer Schicht der finnischen Gesellschaft.

Von Ralf Stiftel

Der Autor, 1924 in Helsinki geboren, 1984 gestorben, gehört zu den modernen Klassikern der finnischen Literatur. Seine Frau Märta Tikkanen schrieb ebenfalls, und mit feministischen Manifesten („Wie vergewaltige ich einen Mann?“) wurde sie hierzulande bekannt. Henrik Tikkanen hingegen wird erst jetzt übersetzt – Finnland war Gastland der Frankfurter Buchmesse.

„Brändövägen 8 Brändö. Tel. 35“, der erste Teil einer „Adressbücher-Trilogie“, nimmt eine Adresse als Romantitel. Doch was heißt bei diesem erbarmungslosen Enthüllungsbuch schon Roman? Das „Ich“ ist hier Tikkanen. Seine Familie ist ihm schlechtes Beispiel für ein degeneriertes Großbürgertum, das er anprangert und an dem er fast nichts Gutes findet. Solche Selbstbezichtigung kann leicht peinlich werden, zumal die Abwertung der Familie oft nur dazu dient, sich selbst in ein besseres Licht zu rücken. Und was interessiert den deutschen Leser die Geschichte der schwedischsprachigen Oberschicht, die sich in dem Stadtteil Brändö absonderte?

Tikkanens Roman wird exemplarisch dadurch, wie er seinen Hass in pointierte Formulierungen umsetzt. Er schreibt Sätze wie Axthiebe, wie chirurgische Schnitte. Glück nennt er inhaltsleer: „Wenn nichts passiert, ist alles gut.“ Hohn findet er für seine Eltern: „Vater liebte Mutters Figur fast so, wie sie selbst das tat. Ihre kleinen, festen Brüste waren ihr gemeinsamer Stolz.“ Und später, als die Ehe zerbrochen ist, heißt es vom Vater: „Er war einer von der treuen Sorte, die sich nicht vorstellen konnte, jemand anderen als die eigene Frau zu betrügen.“

Nachwort von Karl-Ludwig Wetzig ist hilfreich

So geht Tikkanen die Familiengeschichte durch von den Großeltern bis zur eigenen Zeit im Zweiten Weltkrieg, als er desertierte. Der Verfall ist hier auf nicht einmal 150 Seiten konzentriert: Der Vater verliert das Vermögen, weil er nicht versteht, welcher Reichtum wirklich solide ist: „Erst die weitverzweigten ökonomischen Beteiligungen eines ganzen Geschlechts, die keine Depression oder schlechte Konjunktur vollständig aufzehren kann, sichern die Existenz. Er hatte spekuliert und verloren, darum fanden seine reichen Freunde, dass er sie verraten hatte.“ Hilfreich ist das so sympathisierende wie informierte Nachwort des Übersetzers Karl-Ludwig Wetzig.

Kein Gute-Laune-Buch, ganz bestimmt nicht, nur der aggressive Witz bewahrt es vor depressiver Stimmung. Und ganz gewiss hat Tikkanen Lehren, nicht die schlechtesten sogar, wenn er zum Beispiel die Feigheit lobt, die im Unterschied zum Mut mit Vernunft zu tun hat. So kommt er zum Fazit: „Ich fand, der Umstand, dass ich freiwillig am Krieg teilgenommen hatte, gab mir auch das Recht, selbst zu entscheiden, wann ich genug hatte.“ Mit solchen Leuten ist kein Staat zu machen. Deshalb braucht man sie so.

Henrik Tikkanen: Brändövägen 8 Brändö. Tel. 35. Deutsch von Karl-Ludwig Wetzig. Verbrecher Verlag, Berlin. 152 S., 22 Euro

Quelle: wa.de

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