Henri Rousseau in der Foundation Beyeler, Basel

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Rousseaus „Porträt des Monsieur X (Pierre Loti)“ von 1910. ▪

Von Achim Lettmann ▪ BASEL–Henri Rousseau (1844-1910) zählt zu den großen Einzelgängern der Kunstgeschichte. Er hat Bilder gemalt, die klar und rätselhaft zugleich sind. Heute noch erscheinen sie frisch, wundervoll und eigenständig. Obwohl sich die Bildkonzepte in unserer Zeit vervielfältigt haben. In der Foundation Beyeler in Riehen bei Basel ist eine retrospektiv angelegte Ausstellung zu sehen, die rund 40 Werke des Franzosen zeigt: „Henri Rousseau“. Die meisten Bilder kommen aus dem Musée national de l’Orangerie und dem Museé d’Orsay in Paris.

Rousseau war ab 1871 Zollbeamter in Paris. Er malte in seiner Freizeit. Die Ausstellung will zeigen, weshalb Rousseau neben Monet, Cézanne, van Gogh und Gauguin ein Pionier der Moderne war. Am Anfang der Schau hängen zwei Porträts nebeneinander. Das frühe von 1887 zeigt einen Mann und ist ganz der Studiofotografie der Zeit verpflichtet. Winzig wirkt der Kopf im Zentrum des Bildovals: Bart, Brille, Fliege, weißes Hemd. Klein und dunkel ist dieses Bildchen, aber dennoch ist die malerische Behauptung im Vergleich zum Foto zu spüren. Daneben erstrahlt das „Porträt des Monsieur X (Pierre Loti)“ von 1910. Ein Turban hängt ihm auf dem Kopf, er ist zugeknöpft, streng, blickt frontal; aber sein weißer Teint spielt mit dem Clownesken, mit der Verwandlung. Eine breitgestreifte Katze, ein Baum und Fabrikschlote zählen zum Interieur dieser Komposition. Beide Porträts zeigen, wie Rousseau nach und nach begreift, dass die Malerei eine Chance ist, etwas Neues zu schaffen. Lange sind Bilder wie der „Monsieur X“ als naiv verkannt worden.

Rousseau setzt einfache Formen ins Verhältnis. „Die Schuhfabrik von Alfortville“ (1897) wirkt wie eine Modellwelt. Das massige Gebäude, dunkel drohende Wolken und winzige Menschen erzeugen ein Ungleichgewicht, das Distanz schafft. Rousseau isoliert die Gegenstände; auch die Figuren, selbst wenn er sie aneinander rückt, wie auf dem Bild „Der Wagen des Vaters Junier“ (1908). Die fünf Personen sitzen gemeinsam in der Kutsche. Rousseau betont aber die Eigenständigkeit des Einzelnen. Auch das macht seinen Bildansatz modern.

Am Montparnasse in Paris wird er von jungen Künstlern geschätzt. Fernand Léger und Pablo Picasso beziehen sich auf ihn. Picasso war beeindruckt, weil Rousseau den Vordergrund im Bild betonte und die Zentralperspektive missachtete. Der Autodidakt Rousseau schafft so neue Bedeutungsmomente im Bild, die die traditionelle Komposition hinterfragen. Außerdem komponierte er und schrieb Theaterstücke. Auch Paul Signac, Sonia und Robert Delaunay, sowie der Dichter Guillaume Appolinaire und der Bildhauer Constantin Brancusi schätzten ihn.

Rousseau kam aus einem einfachen Elternhaus in Laval. Sein Vater war Kesselflicker. Sieben seiner neun Geschwister starben an Tuberkulose. Für den Zollbeamten bleibt Geld zeitlebens knapp. 1893 lässt er sich eine kleine Pension auszahlen, um nur noch zu malen. Aber erst 1905 wird ein Bild von ihm in einem der anerkannten Pariser Salons ausgestellt: „Der hungrige Löwe wirft sich auf eine Antilope“ (1998/1905). In seinen Dschungelbildern handelt er das Gesetz der Wildnis recht lakonisch ab. Dabei dominiert nicht immer der Stärkere, sondern auch der Tiger ängstigt sich bei Wind und Regen („Überrascht! Sturm im Dschungel“, 1891). Vor allem die Dschungelbilder haben Rousseaus späte Anerkennung begründet. Er malt das Naturdickicht blattgenau, farbenprächtig, romantisch. Und er zeigt, wie teilnahmslos die Eule schaut, wenn‘s der Antilope an den Hals geht. Rousseau bildet hier auch die Widrigkeiten der modernen Welt, der Großstadt, ab, wie er sie empfunden hat. Für ihn war der Mensch in Gefahr. Die Einsamkeit, das Verlassensein – gerade seine Tierbilder strahlen diese menschlichen Schicksalsmomente aus.

Noch 1907 ließ sich der Maler aus finanzieller Not zu einem Bankbetrug hinreißen, wofür er kurze Zeit ins Gefängnis musste. Eine Geldstrafe sollte folgen. Die Realität war hart. Aber Rousseau erträumte sich eine bessere Welt. Die Kriege zwischen Frankreich und Deutschland (1866 und 1870/71) nährten die Sehnsucht nach Frieden. Seine „Kriegsallegorie“ (1893) zeigt nackte tote Leiber und in dem Bild „Die Repräsentanten der auswärtigen Mächte kommen, um der Republik im Zeichen des Friedens zu huldigen“ (1907) beschwört er eine imaginäre Friedenskonferenz.

Für Bilder wie „Ein Karnevalsabend“ (1886), auf dem ein Paar in tiefer Nacht unter kahlen Bäumen stehen, und „Die Schlangenbeschwörerin“ (1907) ist Rousseau von den Surrealisten vereinnahmt worden. Es stimmt, dass er die Malerei am Anfang der Moderne wieder für Fantasie geöffnet hat. Aber er hat nie erklärt, wie man seine Bilder zu deuten habe. Außerdem hatte er einen beständigen Blick für den Alltag. Beispielsweise thematisiert er Technik und Fortschritt. Flugzeuge („Die Fischer“, 1908/09) und Telegrafenmasten („Ansicht von Malakoff“, 1908) tauchen so auffällig in seinen Bildern auf, dass sie das Alltägliche zum Geheimnisvollen verändern. Fremd sind ihm die Neuerungen, dabei stößt er ästhetische Veränderungen selber an.

Die Schau

Prächtige Würdigung eines frühen Modernen.

Henri Rousseauin der Foundation Beyeler in Riehen/Basel

Bis 9. Mai; geöffnet 10 bis 18 Uhr, mi bis 20 Uhr; Katalog im Hatje Cantz Verlag, CHF 64; Tel. 0041 / (0)61 / 645 97 00

http://www.beyeler.com

Quelle: wa.de

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