Helmut Dietl scheitert mit „Zettl“. Die Klasse von „Kir Royal“ ist Geschichte

Aufsteiger-Paar in Berlin: Karoline Herfurth und Michael „Bully“ Herbig in dem Film „Zettl“. ▪

Baby Schimmerlos – was für ein Name, was für Geschichten über die Münchener Schickeria, verewigt im TV-Sechsteiler „Kir Royal“. Nun bietet Regisseur Helmut Dietl eine Fortsetzung im Kino: „Zettl“. Leider geht es mit Baby Schimmerlos schon im Vorspann zu Ende: Der Klatschreporter soll Chefredakteur eines Berliner Magazins werden, prallt aber mit seiner Harley vors Brandenburger Tor. Ein Comic-Strip.

Von Katja Lenz

Jetzt muss sein Chauffeur Max Zettl (Michael Bully Herbig) ran, gemeinsam mit dem immer noch genialen Alt-Fotografen Herbie Fried (Dieter Hildebrandt). Der sitzt inzwischen im Rollstuhl, weil er vor 20 Jahren beim Shooting in Monaco von einer Yacht gefallen ist. Die wunderbare Mona (Senta Berger) ist versehentlich ein Volksmusik-Star geworden, singt aber nicht mehr. Sie will nur die Urne mit Babys Asche nach München bringen. Mona und Herbie, zwei Relikte aus „Kir Royal“, wirken wie aus einer anderen Welt. Dem Vorgänger kann „Zettl“ nicht das Wasser reichen. Wenig schillert, vieles ist kompliziert: Der Bundeskanzler (Götz George), von seinen Freunden und der Geliebten Verena (Karoline Herfurth) nur „Olli“ genannt, ist kolossal durch den Wind. Seinen Job wollen Conny Scheffer (Harald Schmidt), der schwäbelnde Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, und die Berliner Bürgermeisterin Veronique von Gutzow (Dagmar Manzel), die eigentlich ein Kerl ist.

Außerdem hat Verena ein Verhältnis mit Zettl und vielleicht auch mit Conny Scheffer. Das alles trifft sich in der Hauptstadt zum Durcheinander der regionalen Dialekte sowie zum machtbesessenen Hauen und Stechen.

Wahrscheinlich waren die Erwartungen an diesen neuen Dietl-Film einfach zu hoch. Oder es ist zu viel Zeit vergangen seit Baby Schimmerlos. Zettl ist kein Mann für fein formulierte Zeitungs-Kolumnen, in denen jeder vorkommen will – er macht ein Online-Magazin und ist begnadet ahnungslos. Zettl eiert von Thema zu Thema, umgeben von hippen Online-Spezis und vermeintlichen Polit-Profis, mehr als Spielball, denn als Strippenzieher. Zwischen der großen Garde der Schauspiel-Kollegen in ihren heftig überzeichneten Rollen bleibt Bully Herbig der einfache Spaßvogel – also ein Fremdkörper. Schon witzig, wie Zettl ein „Mama!“ ins Handy seufzt. Oder wie er die Maskenbildnerin anraunzt, die ihm ein verdächtig nach Indianer-Grundierung aussehendes Make-up aufträgt. Aber das Richtige für eine Polit-Parodie ist das nicht.

Die Intrigen, die Helmut Dietl (67) und sein Co-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre (37) ins Drehbuch komponiert haben, sind sehr hoch aufgehängt. Es geht ums Ganze: die Macht im Kanzleramt. Da wünscht man sich das München von 1986 zurück. Oder notfalls Meck-Pomm, wo sich Harald Schmidt im Bademantel die Sozis zurechtschwäbelt. Olli stirbt, die potenziellen Nachfolger bringen sich in Stellung – und Zettl veröffentlicht eine Geschichte. Die Infos kommen von Herbie Fried, der in der gleichen Klinik liegt wie Olli. Mit Dieter Hildebrandt und Götz George entschleunigt sich der Film zu einem süffisanten Kammerspiel. Olli will mit dem letzten Atemzug seine Memoiren diktieren, er gibt vom Sterbebett ein Telefoninterview.

Der Film hat durchaus das Zeug zur Parabel über die Verquickung von Medien- und Politik-Betrieb, ist aber hemmungslos überladen. Querverbindungen zu real existierenden Personen drängen sich diesmal nicht auf. Aber das große Finale in der TV-Talkshow von Jacky Timmendorf (Sunnyi Melles) ist furios – und bietet einen kurzen Eindruck dessen, was „Zettl“ eigentlich hätte werden können.

Der Film

Ohne Witz, zu konstruiert, überladen, selten satirisch.

Regie: Helmut Dietl

Darsteller: Michael „Bully“ Herbig, Ulrich Tukur, Harald Schmidt, Karoline Herzsprung

Dauer: 109 Minuten

Wertung: +oooo

Quelle: wa.de

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