Hammer Helios Theater macht Stück über Louise Strauß-Kahn

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Anna-Sophia Zimniak (links), Babette Verbunt und Roman D. Metzner im Stück „Lou“ am Helios Theater Hamm.

HAMM - Die Handtasche einer jungen Frau ist plötzlich ein subversives Objekt. Ein Lippenstift gilt als verrucht. Ein Kleid und Schuhe landen ebenfalls auf einem Haufen mit Überresten eines Frauenlebens. Ein Schild wird an die Handtasche gelehnt: Entartet.

Von Edda Bresky  

Am Helios-Theater entwickelt Regisseurin Barbara Kölling aus der Lebensgeschichte der jüdischen Journalistin Louise Straus-Kahn einen Strom von Texten, Musik und Bildern, eine fortlaufende Collage mit Anspielungen und Verknüpfungen, die in Auschwitz enden. Straus-Kahn wurde 1944 mit dem vorletzten Viehwagen-Transport deportiert und dort ermordet.

Louise Straus-Kahn wird auch vielen Literaturinteressierten wenig sagen. Sie teilt das Schicksal der meisten Frauen, die berühmte Männer heirateten: Man kennt sie als Ehefrau. Lous Mann war der Maler Max Ernst, bevor er weltberühmt wurde. Die Ehe scheiterte. In den 20er Jahren brachte sie ihren Sohn alleine durch. Helios-Regisseurin Barbara Kölling hat sich auf die Person Louise konzentriert: „Lou“ handelt von der Journalistin, die für die Zeit steht, die sie beschrieb. Louise studierte, promovierte sogar, nahm sich Liebhaber. Sie zelebrierte das ganze neue, aufregende städtische Leben der Weimarer Republik. Das spielen Anna-Sophia Zimniak und Babette Verbunt nach, indem sie je nach Szene Schuhe und Kleid überziehen, Charleston tanzen oder per Knopfdruck Louises Texte vom Band einspielen. Roman D. Metzner legt über die eingespielte Musik – Charleston und Chansons – mit Flügelhorn und Kontrabass eine weitere Tonspur, einen eigenen Kommentar. Schauspiel, Fotografie und Musik interagieren und schaffen gemeinsam eine weitere Ebene der Wahrnehmung: Chaos und Momente von Klarheit, Vernunft und Gefühl.

Schön, dass das Helios-Theater wieder ein Stück für Ältere gemacht hat. Es profitiert von der Erfahrung der Helios-Truppe, die in ihren Stücken für kleine und kleinste Kinder Themen und Ideen spontan erfahrbar macht. Dieses Prinzip erfährt in „Lou“ eine gelungene Übertragung. Den Rassenhass, den Wahnsinn der Verfolgung stellt Kölling durch die Groteske dar: Die beiden „Lous“ schminken sich Clownsgesichter und rufen das Elend der Unterdrückung mit Karnevalströten heraus; während vom Band eine Rede über die nationalsozialistische Frau als Hüterin des Lebens tönt, malen Zimniak und Verbunt auf Poster von BDM-Mädels mit Lippenstift Clownsfratzen.

Mit Lou und den Künstlern, Journalisten, Lebemännern und selbstbewussten Frauen, die die Nazis umbrachten, starb ein Lebenstil. Das Stück „Lou“ zeigt, wie die Deutschen im Rassenwahn sich selbst beraubten, indem sie ihre eigene Kultur in großen Teilen zerstörten. Kölling hätte nur noch ein paar Takte Wagner oder Beethoven einspielen müssen, um diesen Gedanken zu Ende zu bringen. Stattdessen mischen sich im Finale Schreibmaschinengeklapper, Töne und Musik vom Band und vom Kontrabass mit Fotos von Hitler und Eva Braun und dann vom Einfahrtstor nach Auschwitz-Birkenau. Kölling gelingt ein intensiver, berührender, aber niemals schriller Moment. Starker Applaus für ein intimes Stück.

20., 21., 24., 25.11.

Tel. 02381/926837

www.helios-theater.de

Quelle: wa.de

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