Helden der Arbeit bei der „Extraschicht“

+
Dortmund, hier die Kokerei Hansa, war einer der Schwerpunkte bei der „Extraschicht“.

An normalen Samstagen tropft hier der Schweiß. Wut, Freude, Verzweiflung und Jubelstürme gibt‘s tief unten in den Spielerkabinen des Westfalenstadions in Dortmund. Ein idealer Platz für Improvisationstheater. Von Andreas Sträter

Zur „Extraschicht“, der langen Nacht der Kultur, drängen sich tausende auf dem Kulturpfad des BVB-Stadions und werden von den Theaterfiguren der Gruppe „Emscherblut“ dazu animiert, in der Umkleide einen Zwischenstopp einzulegen. Da entzücken Charaktere: die Diva, die Dampfwalze, der Ruhrpott-Boy, der Radioreporter und Zwille Zimmermann, mehr Herbert Knebel als Platzwart. „Hömma, jetzt gemma weiter, aber lass mich vorher en Bissen in deine Currywurst machen“, raunzt er. Die Besucher lachen, der Mensch aus dem Ruhrgebiet liebt es derbe.

Die Stadionatmosphäre wird aufgebrochen durch die biomorphen Figuren des Kunstprojekts „Kelbassas“ und den Akrobaten der Gruppe „Platzregen“. Am Ende stehen Bierbuden, es gibt Bratwurst – kein Stadionbesuch ohne einen Biss ins knackige Fleisch. Das ist auch bei der „Extraschicht“ so.

Auf der Spielerbank machen es sich Barbara Timmer und Ulrike Kettler aus Dortmund gemütlich. „Die gelben Plastikschalen sind zwar ziemlich hart, aber ich sitze gut. Normalerweise verfolge ich die Spiele aus einer anderen Perspektive“, sagte Kettler. Die Freundinnen gehen schon zum dritten Mal auf Entdeckungstour durch ihre eigene Heimat.

Es war eine gute Wahl, das Stadion zu einem der fünf zentralen Drehpunkte der Nacht zu machen. Die Zeche Lohberg in Dinslaken, der Gasometer in Oberhausen, der Nordsternpark in Gelsenkirchen und die Jahrhunderthalle in Bochum sind weitere Spielorte in dieser kalten, regnerischen „Extraschicht“. Die Besucher erleben in 20 Städten, wie sich eine Region nach dem Abschluss der Montangeschichte als europäische Kulturmetropole neu erfindet. Rund 200 Busse, 15 Schiffe sowie historische Busse und Bahnen verbinden die Spielorte miteinander. Vom Umspannwerk Recklinghausen über das Eisenbahnmuseum im Bahnhof Bochum-Dahlhausen bis zum Kunstquartier Hagen ist an diesem Abend alles erleuchtet. Lichtinstallationen setzen Denkmäler zwischen Duisburg und Unna in Szene. Optischer Höhepunkt ist das Feuerwerk, das um Mitternacht an einem 120 Meter hohen stillgelegten Gasspeicher in Oberhausen gezündet wird.

Das Angebot ist breit: vom Kletterparcours im Stahlwerk bis zur elektronischen Musik im Gastank und einer extravagante Modenschau auf einem Zechengelände. In der Henrichshütte in Hattingen entfaltet das restaurierte Stummfilm-Bergwerksdrama „Schlagende Wetter“ von 1923 mit Livemusik vom WDR-Orchester seinen ganz eigenen Charme. Auf einem früheren Zechengelände in Gelsenkirchen präsentieren jugendliche Teilnehmer des Projekts „pottfiction“ ihre Zukunftsvisionen für die „Metropole Ruhr“ in Videoinstallationen und Theater. Einmal im Jahr feiert sich das Ruhrgebiet selbst und ist ganz nah dran am pulsierenden Rhythmus einer echten Metropole.

Eine Hommage an internationale Revierbürger ist die Deutsche Arbeitsschutzausstellung. Die DASA in Nähe der Technischen Universität Dortmund legt zum zweiten Mal eine „Extraschicht“ ein. Die große Stahlhalle erzählt von körperlicher Schwerstarbeit, der Lärmtunnel von schallendem Getöse, der Wirbelgang von schmerzlichen Gebrechen. Auf einer Tour sind alte Druckerhallen zu sehen, tiefgelegte Eisenhüttenwerke, Baustellen – stille Zeugen schwerster Arbeit. Rohstoffe und Arbeit führten Menschen aus ganz Europa zusammen, warfen sie in einen Schmelztiegel, aus dem eine einzigartige Legierung hervorging: vielfältig, bunt, offen, mit Ecken und Kanten, nie ganz fertig, immer in Arbeit. Ein Mythos, der Orte, Räume, Menschen und Kulturen integriert.

Der Schichtwechsel, den das Ruhrgebiet nun vollzieht, berührt seine Identität im Wesenskern. Die Zeit der Bergwerke ist vorüber. Alte Zechen werden geschliffen oder in Kultur- und Erinnerungsräume verwandelt. Neue Industrien und unterschiedlichste Projekte füllen zu kleinen Teilen das aufgerissene riesige Loch. In der DASA wird die Veränderung durch Entwicklung und Innovation aufgezeigt. Der Takt der Maschinen bestimmt die menschliche Arbeit, macht sie rationeller, seelenloser. Stechuhren regeln Kommen und Gehen. Danach betritt der Besucher Weltraumstationen, wird zum Chirurg mit Cyberbrille. Zum Schluss warten die Komiker Knacki Deuser und Serhat Dogan mit einem Auszug aus ihrem Programm „Night Wash“. Leichte Kost vor schwerer Kulisse. Internationale Speisen geben noch Kraft für die Theaterführung „2026, wie arbeiten wir morgen?“

Im Schloss der Arbeit gehen die Besucher auf die Suche nach den Helden des Alltags: Das LWL-Industriemuseum Zeche Zollern im Südwesten Dortmunds ist im Heldenfieber. Franziska Mense-Moritz, bekannt aus dem Anarcho-Karneval „Geierabend“, führt in die Siedlung Landwehr und erzählt mit Ruhrpottschnauze als Bergmannsfrau Klara Fall vom Leben mit „ihrem Ollen“ und den „Blagen“. Als Museum für die Kultur- und Sozialgeschichte des Bergbaus erinnert die Zeche seit 1999 an Lebens- und Arbeitsbedingungen. Zu Flaschenbier und deftigem Essen swingt es in der Lohnhalle, im Magazin spielt eine Improtheatergruppe das Stück „Wunder gibt es immer wieder“. Zu der englischen Tragikomödie „Brassed Off“ über Helden im englischen Bergarbeitermilieu erschallen Pauken und Trompeten.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare