Heinrich Peuckmanns „Die Schattenboxer“ bei Asso

Von Achim Lettmann ▪ Der Vater sitzt auf dem Stuhl und raucht. Die Mutter greift zur Schürze, wischt sich die Tränen ab und will Frühstück machen. – Es ist eine kurze Szene aus Heinrich Peuckmanns Buch „Die Schattenboxer“. Und trotz knapper Beschreibung vermittelt sich bei der Lektüre der Familiengeschichte alles, was diesen bitteren Augenblick ausmacht. Tristesse, Wortlosigkeit, schmerzhafte Gefühle und die Gewissheit, es muss weitergehen. Der älteste Sohn der Borgschultes hat das Elternhaus ohne Abschied verlassen.

Peuckmann rückt solche Szenen gekonnt zurecht. Sie sind das emotionale Gerüst seiner Geschichte, die von fünf Jungs nach dem Zweiten Weltkrieg handelt. Wie die Bergmannssöhne zum Boxclub Viktoria gehen, sich erfolgreich schlagen und sogar Länderkämpfe bestreiten. Es ist ein Nachkriegsroman ohne den Jubel des Wirtschaftswunders, aber mit Gespür für die neue Zeit.

Der Autor hebt auf eine wahre Begebenheit ab. Seine Boxersippe heißt eigentlich Johannpeter. Es waren zehn Brüder aus Hamm, die von 1947 –72 boxten und eine Sensation in der Sportwelt darstellten. Heinrich Peuckmann ließ sich inspirieren und machte ihren Grundsatz zum Erzählmotiv: die Mutter der Johannpeters hatte ihren Söhnen verboten, gegeneinander zu kämpfen. Im Buch kommt es zum Duell zwischen Hermann, dem ältesten, und Werner, dem jüngsten, als die Boxteams aus der DDR und der Bundesrepublik die Fäuste kreuzen.

Neben der Spannung, die Boxkämpfe nun mal mitbringen, zeichnet Peuckmann vor allem das Lebensgefühl in der Siedlung nach. Gedrückt werden alle vom Los der Arbeit. Vor allem der Vater verteidigt sein Standesdenken als Bergmann, das er wie ein Gottesurteil trägt, vor den Chancen der modernen Arbeitswelt – ohne Staublunge.

Erzählt wird das Nachkriegsdasein aus der Perspektive des jungen Werner, den das Leben überrascht, als er mit der kleinen Pütz von nebenan feuchte Erfahrungen im Kartoffelkeller macht. Aber Klischees reiht Heinrich Peuckmann eigentlich nicht aneinander. Trotz Sporterfolgen wird das Leben in „Die Schattenboxer“ kein Abenteuer. Die Charaktere sind schlicht skizziert. Wer seine eigenen Fähigkeiten entdeckt, wird nicht gleich als Individualist gefeiert, der vergisst, wo er herkommt. Nein, Heinrich Peuckmann erinnert mit seinem Buch – erstmals im Verlag Middelhauve im Jahr 2000 erschienen – auch an den Zusammenhalt in Familie und Nachbarschaft. Heute ist das ein verflossenes Stück Ruhrgebiet, das ganz unaufgeregt und mit etwas Wehmut seinen literarischen Platz gefunden hat. Peuckmanns Erzählduktus ist nüchtern und umsichtig, er verzichtet auf Effekte und Showeinlagen. Das tut gut.

Heinrich Peuckmann: Die Schattenboxer. Asso Verlag, Oberhausen. 246 S., 12,90 Euro

Quelle: wa.de

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